Beim Kinderwagenkauf stehen oft die elterlichen Bedürfnisse im Vordergrund. Das Gefährt soll leicht sein, wendig, schnell zusammengelegt in den Kofferraum passen, mehrere Jahre halten und die Last von Einkaufstaschen tragen. Für Babys jedoch werden solchen Alleskönner-Karossen schnell eng. Zu eng, warnen Experten.
„Viele moderne Kinderwagen sind nicht förderlich für die Entwicklung“, sagt Kinderphysiotherapeutin Hanna Schilling. In ihrer Praxis behandelt sie immer mehr Babys, die sehr ungern auf dem Bauch liegen. Eine Ursache liege auch in der Größe der Kinderwagen, glaubt sie. Mit etwa sechs Monaten sollte ein Baby fähig sein, sich zu drehen. Dann bäuchlings spazieren zu fahren, trainiere die Rückenmuskulatur am besten, sagt die Hamburgerin. „Aber die meisten Wagen sind so klein, dass Kinder das gar nicht machen können.“
Im Test erhält kein einziger Wagen die Note „gut“
Warentester beklagen den Platzmangel seit langem. Manche Wagen, angeblich bis zum dritten Lebensjahr nutzbar, seien bereits für anderthalbjährige Kinder zu klein, urteilte die Zeitschrift Öko-Test. Ebenso haben die Experten der Stiftung Warentest in Berlin immer wieder Kinderwagen geprüft und bemängelt, sie seien nicht kindgerecht gestaltet. Auch bei der jüngsten Untersuchung kam kein einziges von 14 Modellen auf eine gute Note. Zehn Modelle waren nur bis 15 Kilo ausgelegt, ein Gewicht, das bereits Zweijährige erreichen. „Die meisten Wagen bieten wenig Verstellmöglichkeiten und lassen sich an das wachsende Kind sehr schlecht anpassen“, sagt Warentester Martin Hofmann.
Bezeichnend ist, dass man bei vielen Herstellern vergeblich nach Angaben sucht, die den Platz fürs Kind beschreiben, während die Packmaße für den Kofferraum stets millimetergenau angegeben werden. Es empfehle sich durchaus, ein Maßband mitzunehmen, wenn man einen Wagen kaufe, sagt Hofmann. Eine bequeme Liegefläche fürs Baby ist rund 35 Zentimeter breit und 80 Zentimeter lang. In der Praxis erreicht das allerdings kaum ein Modell. Der kleinste von Warentest untersuchte Kombiwagen maß an der schmalsten Stelle sogar weniger als 30 Zentimeter.
Wird das Kind größer, kommt es darauf an, dass das Gefährt mitwachsen kann. Rücken- und Fußteile sollten laut Hofmann in vier bis fünf Positionen verstellbar sein. Bei Fahrradsitzen sei das meist gar kein Problem, bei Kinderwagen dagegen täten sich die Hersteller damit erstaunlich schwer. Auch dass ein Wagen die DIN-Normen einhält, sei keine Garantie für die kindgerechte Gestaltung, sagt der Warentester, denn sie beschreibe lediglich die Verkehrssicherheit. Eine Rückenlehne zum Beispiel müsse laut DIN nur mindestens 38 Zentimeter lang sein, für ältere Kinder optimal wären allerdings eher 50 Zentimeter.
Mängel bei der Sicherheit und mit Schadstoffen belastet
Auf der Suche nach einem guten Kinderwagen wird man deshalb auch im Fachhandel gar nicht so leicht fündig. Folgt man den Ergebnissen von Warentest, sind die meisten nicht nur eng, sondern auch mit schädlichen Weichmachern und Flammschutzmittel belastet. Zehn von vierzehn wurden deshalb mit „mangelhaft“ bewertet. Und in Sachen Sicherheit und Haltbarkeit bekommt sogar die Luxus-Karosse für 900 Euro nur ein „Ausreichend“ (www.test.de/kinderwagen). Platzbewusste Eltern könnten auf dänische Wagen zurückgreifen. Solche Modelle haben luxuriöse Liegeflächen zwischen 35 und 41 Zentimetern Breite und mehr als 90 Zentimetern Länge. Hierzulande sind sie allerdings recht teuer und nur in wenigen Geschäften zu bekommen, oder man muss sie online bestellen, ohne sie vorher ausprobieren zu können.
Dass die Dänen ihrem Nachwuchs so viel Raum gegeben, ist aus Sicht von Physiotherapeutin Schilling auch für größere Babys optimal. „Mit zehn Monaten bringt man sich selbst in eine wunderschön gerade Sitzposition“, sagt sie. „Besonders die Senkrechte trainiert die Rückenmuskulatur – auch beim Fahren. Stattdessen aber wird bei uns das Kind meist angeschnallt und von den Gurten in die Lehne zurückgezogen. Das ist keine Position für einen guten Rücken.“

