Temperamentvoller Nachwuchs hat schon immer die Nerven von Eltern, Lehrern, Mitschülern bis an die Grenzen strapaziert. Früher nannte man so ein Kind Zappelphilipp, in schlimmeren Fällen auch Wüterich. Der alte „Struwwelpeter“ ist voll von solchen Exemplaren. Die moderne Medizin hat dafür einen Krankheitsbegriff erfunden: ADHS. Die Zahl der ADHS-Diagnosen steigt rasant, der Verbrauch von Medikamenten gegen die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung hat sich in den vergangenen Jahren etwa verzehnfacht. Jetzt versuchen europäische und deutsche Gesundheitsbehörden gegenzusteuern. Vor allem der populäre Wirkstoff Methylphenidat sollte nur noch verordnet werden, wenn andere Therapien allein nicht ausreichen, stellt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte klar.
Herzrhythmus- und Wachstumsstörungen
ADHS-Symptome zeigen sich meist schon in den ersten fünf Lebensjahren. Solchen Kindern fehlt Ausdauer bei Tätigkeiten, die etwas Nachdenken erfordern. Sie bringen selten etwas zu Ende, wechseln schnell zu einer anderen Beschäftigung. Sie sind überdies oft unachtsam und impulsiv, neigen zu Unfällen und Aggressionen. Die Hyperaktivität ist vor allem bei Jungen ausgeprägt, während Mädchen sich eher verträumt und abwesend zeigen.
40 Prozent dieser Kinder werden hierzulande mit Methylphenidat behandelt, das bekannteste Präparat ist Ritalin. Der Stoff fällt unter das Betäubungsmittelgesetz und steht im Verdacht, Herzrhythmusstörungen auszulösen, die bis zum Herzstillstand führen könnten, Wachstumsstörungen und psychiatrische Probleme. Trotzdem werden nur an jedem vierten der Kinder zuvor Hilfen wie Verhaltens- oder Ergotherapie ausprobiert, besagt eine Untersuchung der Universität Bremen. „Der Eindruck entsteht, dass vor allem die therapeutischen Angebote, die mit Kommunikation und Interaktion verbunden sind, zu selten eingesetzt werden“, kritisiert Prof. Gerd Glaeske, Mitautor der Studie.
Ähnlich sieht es der Gesundheitssachverständigenrat des Bundestages. In ihrem jüngsten Gutachten rügen die Experten eine „oftmals vorschnelle Medikalisierung“ und schlagen vor, Ärzte künftig zu verpflichten, vor der Pillentherapie stets einen Kinder- und Jugendpsychiater zu konsultieren.
Auf der Suche nach Hilfe geraten Eltern bislang in ein unübersichtliches Feld von Experten, die sich über Diagnose, Ursachen, Häufigkeit und Therapie nicht unbedingt einig sind. Manche Fachleute sprechen von fünf Prozent ADHS-Kindern in Deutschland, andere von 15 Prozent und mehr. Manche sehen die Ursache in einem erblichen Dopamin-Mangel im Gehirn, andere vermuten viele eher psychosoziale Störungen oder ein Zusammenspiel von vielen Gründen. Der Hirnforscher Prof. Gerald Hüther hält sogar den einsamen Medienkonsum der Kinder für eine Hauptursache. „Kinder sollten wieder lernen, die Aufmerksamkeit mit anderen Menschen auf gemeinsame Interessen und Aufgaben zu lenken“, sagt er.
Probleme reichen bis ins Erwachsenenalter
Als überfordert zeigen sich den Untersuchungen zufolge auch die Lehrer. In Therapie-Konzepte werden sie kaum eingebunden, dabei treten die Probleme nach der Einschulung besonders deutlich zutage. ADHS-Kinder geraten dann schnell sozial ins Abseits, fallen als Störer auf, können sich nicht konzentrieren, neigen zu Wutanfällen. Die Probleme reichen bis ins Erwachsenenalter, in späteren Jahren werden sie wesentlich öfter als andere straffällig und drogensüchtig. Häufig gelten solche Kinder als lernschwach, wenngleich die Diagnose mit mangelnder Intelligenz nichts zu tun hat. Albert Einstein, Hermann Hesse, Mozart sollen angeblich solche Knaben gewesen sein, denen man heute wohlmöglich Ritalin verordnet hätte. Einzelne Studien behaupten sogar, dass hyperaktive Kinder die Fähigkeit zu besonders großer Kreativität, Pioniergeist und Hilfsbereitschaft besäßen.
Eltern helfen solche Erkenntnisse kaum. Viele sehen sich als Erziehungsversager. Sie leiden, so sagen Befragungen, oft stärker als die betroffenen Kinder.

