Alexander Görsdorf (36), Sozialwissenschaftler an der Uni Bielefeld, ist über 30 Jahre schubweise ertaubt und trägt ein Cochlea-Implantat, das den Schall in elektrische Impulse umwandelt.
GESUND: Was war das für ein Gefühl, den Hörsinn zu verlieren?
ALEXANDER GÖRSDORF: Am Anfang war es, als legte jemand eine Decke über die Welt. Am schlimmsten waren soziale Isolation und Vereinsamung, obwohl ich physisch ja unter Leuten war, mit anderen an einem Tisch saß. Nicht sehen können trennt von den Dingen, nicht hören können von den Menschen. Es war eine Abgeschiedenheit und eine Verzweiflung, ganz wie beim ertaubenden Beethoven, der seine Angst und Vereinsamung ja im so genannten Heiligenstädter Testament beschreibt. Hätte er sich nicht der Musik verpflichtet gefühlt, er hätte sich wohl umgebracht. Diese Resignation teile ich allerdings nicht.
GESUND: Die Welt, in der Sie leben, ist das eine Welt der Stille?
GÖRSDORF: Dank der Technik ist es keine stille Welt. Aber ich kann mir auf Knopfdruck eine ruhige Welt schaffen, ein unschätzbarer Vorteil. Seit ich aber einen Tinnitus habe, so ein hohes, nerviges Pfeifen wie ein Sinuston, muss ich die Technik anschalten, um in die Ruhe zu flüchten. Dann wird der Tinnitus durch die Geräusche überdeckt.
GESUND: Haben sich bei Ihnen andere Sinne geschärft?
GÖRSDORF: Ja, langfristig schon. Ertaubte können durch die im Gehirn frei werdende Kapazität sehr feine Wahrnehmungen entwickeln, vor allem beim Sehen, aber auch beim Fühlen. Zum Beispiel Schwingungen und Vibrationen wahrnehmen. Man lernt Menschen lesen. Wie es zum Beispiel Julia Probst mit ihrem Lippenableseservice bei Fußballspielen gemacht hat.
GESUND: Glauben Sie, dass es die absolute Stille gibt?
GÖRSDORF: Ja, zum Beispiel im Weltall. Wenn man dort überleben könnte, würde man akustisch nichts wahrnehmen und das wäre dann absolute Stille. Doch ich glaube gar nicht, dass das angenehm wäre. Komplette Stille kann ja sehr verstörend sein.
GESUND: Was ist für Sie der schlimmste Lärm und was die schönste Stille?
GÖRSDORF: Der schlimmste Lärm ist für mich der Tinnitus morgens, das ist wie zu Baulärm aufwachen oder wie ein Weckerklingeln, das dann nicht mehr aufhört. Die schönste Stille ist, wenn ich ein nerviges Geräusch ausblenden kann: Telefonierende Kollegen oder das Kreischen der Räder der S-Bahn in den Kurven.
Mehr zum Thema im Blog

