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Die Angst überwinden
Angst ist meist deutlich schon im Gesicht zu lesen Foto: pa/Denkou Images

Die Angst überwinden

Von Manfred Pantförder | 11. Jan 2012 | Psychologie

Phobien

Neben Depressionen sind Angststörungen weit verbreitet und häufig Anlass für eine Psychotherapie. Angst ist ein existenzielles Gefühl. Doch sie hat viele Gesichter und wird sehr unterschiedlich intensiv erlebt. Die Angst überwinden heißt, sie zu kennen.


Die Angst vor Spinnen etwa zählt zu den Phobien, die genau bestimmbar, allerdings auch kaum zu erklären sind. Eine besondere Form ist die soziale Phobie, die Furcht vor dem Umgang mit anderen Menschen. Phobien schränken ein, machen einsam. Extrem sind Panikattacken. Deren Auslöser ist nicht ohne weiteres zu benennen, ebenso wenig bei allgemeinen Angststörungen, wenn Menschen sich ständig um etwas sorgen, ohne dass es einen akuten Anlass gibt.

Wenn Phobien das Leben prägen: Griff zu Hilfe und Selbsthilfe

Kinder lernen im Idealfall, mit ihrer Angst zu wachsen. Was aber tun, wenn später den Erwachsenen Ängste so sehr beeinträchtigen, dass damit eine gewisse Lebensuntüchtigkeit verbunden ist? Kann dann nur noch eine Psychotherapie helfen oder lässt sich Angst auch anders überwinden?

„Leiden ist subjektiv“, sagt Psychotherapeut Dr. Harlich H. Stavemann. „Man sollte sich dann Hilfe suchen, wenn man das Ausmaß der Belastung nicht weiter (er)tragen möchte – und wenn man bereit ist, den dafür notwendigen Aufwand zu betreiben, den eine Psychotherapie bedeutet.“ Der Hamburger Psychotherapeut hat sich intensiv mit Fragen um Selbstwert und Lebenszielen beschäftigt („…und ständig tickt die Selbstwertbombe, Selbstwertprobleme erkennen und lösen“, Beltz Verlag 2011).

Wo aber liegen die Ursachen von Angst, entsteht diese erst aus einem schwach ausgeprägten Selbstwertgefühl? „Menschen, die ihren Selbstwert pauschal bestimmen oder an etwas knüpfen, wie etwa Besitz, Leistung oder Beliebtheit, haben häufig Angst. Sie befürchten, dem selbst gewählten Maßstab nicht zu genügen und dann wertlos(er) zu sein“, sagt Stavemann. Angst kann aber auch am Selbstwert nagen. „Falls jemand es als Wertverlust ansieht, wenn er Angst empfindet oder – was häufiger der Fall ist – falls er sich dafür abwertet, wenn andere Menschen merken, dass er ängstlich reagiert, dann kann der Betroffene das als Selbstwertverlust verbuchen.“

Angst findet jedoch nicht nur im Kopf statt, sie ist ein körperlicher (Abwehr-)Prozess. Sie ist nicht nur negativ, denn sie warnt vor Gefahr und ermöglicht Risikoabwägung. Das komplizierte und individuell verschiedene Zusammenspiel der sogenannten Stress-Hormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol entscheidet darüber, welche Reaktion ein Mensch in bedrohlicher Lage einnimmt: Kampf oder Flucht. Oder auch Erstarrung, die eher ungünstigste Variante. Eine Lähmung ist meist Folge einer gestörten Ausschüttung der genannten Hormone, die sich über einen längeren Lebensabschnitt hinweg verfestigt haben kann.

Nicht jede Angst ist behandlungsbedürftig

„Angst ist nie das Problem, sondern stets ein Symptom“, sagt Stavemann, der nach Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie arbeitet, die zu jenen Verfahren zählt, welche bei einer entsprechenden Indikation von gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden. Wie hilft die Kognitive Verhaltenstherapie Angstpatienten?

„Zunächst werden Therapeut und Patient erarbeiten, ob ein psychisches Problem vorliegt.“ Es gibt schließlich auch Ängste, die eher irreal oder hypothetisch sind. „Wenn sich jemand z.B. fürchtet, mit geschlossenen Augen über die Autobahn zu laufen, wäre das ja nicht behandlungsbedürftig“, erläutert Stavemann. „Falls die Angst aber unangemessen stark oder völlig unnötig ist, werden Therapeut und Patient untersuchen, welches Problem für das Angsterleben verantwortlich ist.“ Es gilt also abzuklären, ob es sich z.B. um ein Selbstwertproblem handelt, ob es sich um existenzielle Fragen dreht oder ob eine geringe Frustrationstoleranz Angst auslöst. „Dieses Problem bzw. die zugrunde liegenden Glaubensgrundsätze und Konzepte werden dann herausgearbeitet, auf Angemessenheit geprüft und verändert, falls sie sich als unangemessen erweisen“, sagt Stavemann. Gewonnene Einsichten in das eigene Lebensmuster sollen auch zu Veränderung führen, denn die Psychotherapie will nachhaltig sein. „Abschließend werden die neuen Denkweisen und Konzepte so lange trainiert, bis der Patient sie in seinen Lebensalltag integriert hat“, benennt der Verhaltenstherapeut das Ziel seines methodischen Ansatzes.

Lernen, sich selbst zu behaupten

Sich Angst einzugestehen, ist ein erster Schritt, doch nicht jeder Betroffene will den nächsten in eine Psychotherapiepraxis setzen. Sie können ihr eigener Angst-Coach werden, lautet eine These von Gladeana McMahon. Die britische Therapeutin (Kognitive Verhaltenstherapie) gibt konkrete Hilfetipps fürs Selbstcoaching: Stressminderung durch Entspannungsübungen, guten Schlaf und gute Ernährung, dazu ausreichend Bewegung wie etwa Yoga – das sind die körperlichen Koordinaten zur Veränderung, die vergleichsweise einfach klingen.

Der Erkenntnisprozess hingegen scheint komplizierter: „Ist das, was ich denke, wahr?“ Es geht dabei mittels Fragenkatalog um die Antwort, ob die eigenen Grundüberzeugungen auch hinterfragt werden und ob die Ansprüche an sich selbst zu hoch gesteckt sind. McMahons Tipps laufen darauf hinaus, den Selbstwert zu stärken, denn Angst ist meist mit subjektiv empfundener Unzulänglichkeit verknüpft. Häufig empfinden Betroffene auch nicht die Angst, sondern körperliche Symptome wie starke Schweißausbrüche, Zittern, Herzrasen, Schwindel oder Magen- und Darmstörungen.

Wer einen Schritt weitergehen möchte, folgt McMahons Selbstbehauptungstraining. Es geht bei der Überwinden der Angst stets um den Umgang mit anderen. „Selbstbehauptung trägt zu einer klaren Kommunikation mit anderen Menschen bei“, sagt Gladeana McMahon.

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In der internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) sind Formen von Angst in Kapitel V unter „Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen“ gelistet.

Allgemeine Angststörungen Es geht um Sorgen, die immer präsent sind. Sorge um Angehörige, um Geld, um die Umwelt, die Gesundheit. Es sind Ängste ohne realen Anlass, die aber nicht kontrollierbar sind und zu Nervosität, Schlafstörungen und weiteren Beeinträchtigungen führen können.

Phobische Störungen Angst ist auf bestimmbare Situationen, die meist eher ungefährlich sind, zurückzuführen: Nähe zu Tieren wie Spinnen oder Schlangen, auf Höhe, auf geschlossene Räume, auf den Anblick von Blut. Bei Agoraphobie werden Ansammlungen von Menschen gemieden, Alleinreisen in Bus oder Bahn wird umgangen. Soziale Phobie umschreibt die Furcht, von anderen Menschen beurteilt und kritisiert zu werden.

Panikattacken Die extreme Angststörung wiederholt sich und ist nicht an bestimmte Ursachen gekoppelt. Auftretende Beklemmungen sind heftig und können bis zu Todesangst führen. 

Buchtipp
„Endlich keine Angst mehr! Hilfe durch Selbstcoaching“, Gladeana McMahon, Verlag Hans Huber, Bern 2011, 120 Seiten, 14,95€