Die Ureinwohner Australiens gehen barfuß, um unter ihren Füßen die Erde zu spüren. Leidenschaftliche Barfußläufer trifft man aber auch bei uns. Ihre Bloßfüßigkeit ist keine Sportart, sondern eine Lebenseinstellung: „Wenn du deine Füße befreist, wird auch dein Kopf frei“, zitiert Wolf Gräbel eine indianische Weisheit. Der Münchener Werbetexter geht zumindest bei höheren Temperaturen mit nackten Füßen durchs Leben. Wo andere Gummi- oder Ledersohlen tragen, hat er nach eigener Einschätzung „eine elastische Lederhaut“.
Barfußläufer legen Wert darauf, dass sie mit Fußfetischisten nichts gemein haben, sondern dass es ihnen um Freiheit geht. Orthopäden und Fußspezialisten begrüßen den Schuhverzicht. Die sonst eingesperrten oder sogar eingequetschten Füße würden endlich befreit, massiert, gekühlt und durchblutet. „Jeder sollte so oft wie möglich barfuß laufen, am besten auf unterschiedlichen Böden, um so die Muskeln der Zehen zu kräftigen“, sagt Dr. Harald Kuhn, Chefarzt der orthopädischen Fachklinik in Emstek/Südoldenburg. Nützlich sei es, mit den Zehen Greifübungen zu machen; etwa einen Bleistift aufzuheben oder sogar Blumen zu pflücken. „Barfuß laufen stärkt Bindegewebe, Sehnen, Bänder und kräftigt die Fußmuskulatur. Außerdem wird das gesunde Abrollverhalten des Fußes trainiert“, sagt Dr. Kuhn, der Mitglied der Deutschen Assoziation für Fuß- und Sprunggelenk e.V. ist. Falsches Schuhwerk könne dagegen vielfältige Fußerkrankungen hervorrufen, die oft nur noch operativ korrigiert werden könnten.
Kneipp empfand das Wassertreten als Kur
Auch der Pfarrer und „Wasserdoktor“ Sebastian Kneipp (1821–1897) propagierte für seine Wasserkur das Barfußlaufen zur Durchblutung und Abhärtung des Körpers. Kneipp hat noch heute viele Anhänger, die aufs „Wassertreten“ in eigens für den Kurbetrieb errichteten Wasserbecken schwören.
Der Mensch verdankt der „Konstruktion“ seiner Füße, dass er aufrecht gehen kann. Ein Viertel unserer 215 Knochen befindet sich allein im untersten Teil der Beine, wo Zehen, Mittelfuß und Fußwurzel den Fuß bilden. Am Mittelfuß unterscheidet man Sohlen, Ballen, Ferse, Spann und Rist. Unter der Fußsohle sitzt der Stoßdämpfer: ein unverrutschbares Fettpolster. Ägypter und Chinesen hielten die Füße für Landkarten des Körpers und entwickelten die heute noch praktizierte Fußreflexzonentherapie: Die Zehen spiegeln Kopf und Hals, der Mittelfuß den Brustraum, Knöchel und Fersen Bauch und Becken. Ein Körperteil oder Organ gilt als krank, wenn entsprechende Punkte auf den Sohlen auf Druck schmerzhaft reagieren.
Unterschiedliche Böden können wie eine Massage wirken
Dafür, dass das Barfußlaufen zu einem sinnlichen Genuss wird, sorgen besondere Zellen – sogenannte Rezeptoren – in der Fußsohle. „Wenn der Untergrund wechselt, ist es besonders schön, ohne Schuhe zu gehen. Wenn ich vom feinen Kies aufs Gras und von dort auf Sand oder Kopfsteinpflaster trete, empfinde ich die unterschiedlichen Böden wie eine wunderbare Massage“, sagt Gräbel.
Von Kopfsteinpflaster schwärmt auch Johannes Kathol, der etwa sieben Monate im Jahr ohne Schuhe unterwegs ist und die „Barfuß-Initiative Berlin-Brandenburg“ gegründet hat. „Die Zellen unter Fuß und Zehen erfassen blitzschnell die Lage“, sagt Kathol, „ob der Untergrund glatt oder rau, griffig, rutschig oder uneben ist.“ Obwohl der Falkenseer auch den harten City-Boden, die Rillen einer Rolltreppe oder Granitplatten auf Bürgersteigen schätzt, bleibt sein Lieblingsuntergrund „nasser Matsch“. Der Barfußläufer glaubt, dass im kollektiven Bewusstsein des Menschen Erinnerungen an Urzeiten gespeichert seien: „Nasse Erde unter den Füßen bedeutete, dass fruchtbarer Boden das Überleben sicherte.“

