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Depressionen als Herzinfarkt-Risiko
Dauerhafter Stress und daraus resultierende Erschöpfung können das Herzinfarkt-Risiko beeinflussen Foto: Getty Images/Cultura

Depressionen als Herzinfarkt-Risiko

Von Sabine Abel | 11. Jan 2012 | Medizin

Herzerkrankungen

Wenn die Seele leidet, hat dies auch massive Auswirkungen auf den Körper. „Depressivität ist für die Entstehung einer Herzerkrankung genauso ein Risiko wie erhöhte Blutfettwerte, Bluthochdruck, Rauchen oder Diabetes Typ 2“, betont Prof. Karl-Heinz Ladwig vom Institut für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München. Das habe die Auswertung von großen epidemiologischen Studien ergeben, z. B. der Augsburger MONICA/KORA-Herzinfarkt-Studie oder der Women’s Health Study.

Wer depressiv ist, geht meist nachlässiger mit seinem Körper um, achtet weniger auf gesunde Ernährung, macht seltener Sport und greift häufiger zur Zigarette als nicht-depressive Menschen. Verschriebene Medikamente werden häufig nicht konsequent genommen. Aber Wissenschaftler konnten neben den Folgen solcher ungesunder Verhaltensweisen auch direkte Auswirkungen der psychischen Befindlichkeit auf die Gesundheit nachweisen. „Der Körper reagiert mit seinem Immunsystem auf Belastungen wie Viren oder Bakterien. Aber er reagiert auch auf mentale Überforderungen und Belastungen mit subklinischen Entzündungen“, erläutert Prof. Ladwig. Auch wenn der Betroffene selbst nichts davon merkt, spielen sich in seinem Körper ständig antientzündliche Reaktionen ab. Abwehrparameter wie das C-reaktive Protein sowie sogenannte proinflammatorische Zytokine seien dann erhöht. Im Labor lasse sich sogar eine Dosis-Wirkung-Reaktion nachweisen, je stärker der Stress, desto höher seien die Werte, so der Psychokardiologe.

Stress erhöht das Herzinfarkt-Risiko

Auch auf das hormonelle System wirken sich Stress und Depressivität aus. Nicht nur die bekannten Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden vermehrt ausgeschüttet. In Studien wurde als Stressreaktion auch ein erhöhter Pegel des Hormons Leptin nachgewiesen. Leptin regelt Appetit und Hungergefühl, beeinflusst u. a. aber auch den Herzschlag und den Blutdruck.
„Nahe liegend ist der Einfluss der Psyche auf das autonome Nervensystem“, sagt Prof. Ladwig. Dieses befinde sich bei depressiven Menschen in einem andauernden Ungleichgewicht. Das kann z. B. zu einer Steigerung der Herzfrequenz und einer Erhöhung des Blutdrucks führen. Auf Dauer kommt es dann auch zu Gefäßveränderungen.

Bereits in den 60er-Jahren wurden Zusammenhänge zwischen dem Verhaltensstil eines Menschen und seinem Risiko für einen Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefunden. Damals konzentrierte man sich auf den sogenannten Typ A, ehrgeizige, leistungsorientierte Menschen, die von ihrer Grundstimmung her anderen gegenüber eher feindselig eingestellt sind und immer unter Druck stehen. Dieser Charaktertyp wurde Ende der 70er-Jahre von der amerikanischen Gesundheitsbehörde sogar als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen anerkannt.

Herzinfarkt-Risiko: Arzt sollte auch nach psychischem Befinden fragen

In den folgenden Jahren konnte dies in Studien allerdings nicht bestätigt werden. Es zeigte sich, dass sich Depressionen viel stärker auswirken. „Was man früher nicht berücksichtigt hat, ist die Entwicklung des Menschen“, sagt Prof. Ladwig, der auch dem wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung angehört. Wer ursprünglich von seinem Verhalten her ein Typ A war, kann dem ständigen Druck im Job vielleicht nicht immer standhalten und rutscht in eine Erschöpfungsdepression, heute wird dann oft von einem Burnout gesprochen. Alle alltäglichen Dinge fallen schwer, im Berufsleben wie im Privaten. „Eine Depression ist auch permanenter Stress für den Betroffenen, und das führt auf Dauer zu Veränderungen im Körper“, betont Prof. Ladwig.

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie bietet regelmäßig psychokardiologische Weiterbildungen an. Dass diese immer schnell ausgebucht sind, zeigt, dass viele Kardiologen inzwischen für das Thema sensibilisiert sind. Prof. Ladwig appelliert an Hausärzte und Kardiologen, sich in der Sprechstunde auch nach dem psychischen Befinden ihrer Patienten zu erkundigen. Zwei Fragen würden ausreichen, um eine depressive Verstimmung zu erkennen: Waren Sie im letzten Monat oft niedergeschlagen oder hoffnungslos? Haben Sie im letzten Monat oft unter geringem Interesse oder Freudlosigkeit gelitten? Häufig seien es die Lebensgefährten, die als erste bei ihrem Partner so etwas wie einen Knick in der Lebenslinie erkennen.

Depression wirkt verstärkend auf andere Herzinfarkt-Risiko-Faktoren

Eine Depression wirke verstärkend auf andere Risikofaktoren, so der Spezialist. „Wenn z. B. ein übergewichtiger Patient mit Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck noch eine depressive Symptomatik hat, ist höchste Aufmerksamkeit geboten.“ Gegebenenfalls müsste der Patient an einen Psychotherapeuten überwiesen werden. Für viele sei aber schon ein anteilnehmendes, fürsorgliches Verhalten des Arztes sehr hilfreich.

Die Patienten können aber auch viel für sich selbst tun. Wichtig sei, so Prof. Ladwig, eine gewisse Selbsterkenntnis, die Bereitschaft, eine depressive Stimmungslage wahrzunehmen und zu akzeptieren. Dann sollte man mit vertrauenswürdigen Menschen darüber sprechen und mit dem Arzt beraten, wie man damit umgehen könne. Dazu könne auch gehören, sich von bestimmten Zielen und einem bestimmten Selbstbild (z. B. immer der dynamische Macher sein zu müssen) zu trennen. „Wer sich selbst weniger stresst, schont sein Herz-Kreislauf-System“, sagt Prof. Jochen Jordan von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.

Herzinfarkt kann auch eine Depression auslösen

Bewegung, z. B. in einer Herzsportgruppe, kann helfen, aus dem Tief herauszukommen. „Durch Bewegung können die Stresshormone wie Adrenalin aus dem Körper ausgeschwemmt werden“, erläutert Prof. Jordan. Gut seien drei Stunden Ausdauersport wie Radfahren, Joggen oder Walken pro Woche. Bewusstes Entspannungstraining könne helfen, den Puls und den Blutdruck zu senken, so Jordan.

So wie eine Depression das Risiko für einen Herzinfarkt erhöht, kann ein Infarkt umgekehrt auch eine Depression auslösen oder verstärken. So eine Postinfarktdepression beeinflusst nicht nur die Lebensqualität des Patienten, sondern erhöht das Risiko, einen weiteren – eventuell tödlichen – Infarkt zu erleiden. Etwa 15 bis 18 Prozent der Infarktpatienten haben massive Probleme, mit ihrer Erkrankung zurechtzukommen. „Patienten, die nach einem Herzinfarkt Bilanz ziehen und vielleicht ihrem Leben noch ein mal einen anderen Sinn, eine andere Richtung geben, haben gute Aussichten“, sagt Prof. Ladwig. „Schlechter dran sind diejenigen, die so tun, als wäre nichts geschehen.“

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Schock fürs Herz

Broken-Heart-Syndrom „Das bricht mir das Herz“ ist eine Redensart, die man benutzt, wenn einem etwas besonders nahe geht, z. B. die Trennung vom Lebenspartner oder der Tod eines geliebten Menschen. Folglich wird es als „Broken-Heart-Syndrom bezeichnet, wenn jemand mit den Symptomen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus eingeliefert wird, die Ärzte bei der Untersuchung aber keine organische Ursache finden können.

Keine Folgeschäden „Das Broken-Heart-Syndrom ist wie eine Schreckreaktion, so ähnlich, als wenn man blass vor Schreck wird, weil sich die kleinen Gefäße verengen und die Blutversorgung behindert ist“, sagt Prof. Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz Zentrum München. „Es tritt eine Verengung der Herzkranzgefäße ein, der Herzmuskel verkrampft sich.“ Doch die Stresskardiomyopathie, wie Mediziner die Erkrankung nennen, hinterlässt in der Regel keine bleibenden Schäden, das Herz erholt sich wieder völlig von dem Schock.

Trauer Bei einer amerikanischen Studie mit 1985 Patienten, die zwischen 1989 und 1994 einen Herzinfarkt erlitten,  stellte sich heraus, dass die Trauer um einen geliebten Menschen das Herzinfarkt-Risiko signifikant erhöht. Am Tag des Todes, so die Forscher von der Harvard Medical School und der School of Public Health in Boston, sei das Risiko für den Trauernden um das 21-Fache erhöht - im Vergleich zur normalen Infarktwahrscheinlichkeit. Danach gehe das Risiko langsam zurück, heißt es im Wissenschaftsmagazin "Circulation - Journal of die American Heart Association".