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Der Schlüssel zur Seele
Wie Musik berührt, schildert der Film „Touch the Sound“ über die Schlagzeugerin Evelyn Glennie (auch auf DVD) Foto: piffl Medien

Der Schlüssel zur Seele

Von Christian Seel | 19. Aug 2010 | Psychologie

Musik und Psyche

Musik und Heilung – das gehörte in der Medizingeschichte bis ins 18. Jahrhundert hinein zusammen, im modernen Gesundheitswesen dagegen führen musiktherapeutische Verfahren eher ein Nischendasein. Dabei sehen Psychologen in Klängen, Harmonien und Rhythmen eine Art Schlüssel zur Seele, eine Sprache vor der Sprache, die Beziehungen beschreibt und die Chance bietet, zu sich selbst zu finden. Dr. Jörg Rasche, Arzt, Psychoanalytiker und Musiker, beschäftigt sich in Büchern und Seminaren mit dem Verhältnis von Musik und Psyche. Mit ihm sprach Christian Seel.


GESUND:
Gegen viele Leiden hilft angeblich Musik: Man behandelt damit hyperaktive Kinder, Schmerz- und Angstpatienten, Demenz, Tinnitus, sogar Bluthochdruck. Kann das funktionieren?
Dr. Jörg Rasche: Ja sicher. Unser Gehirn ist ein Organ, das Wahrnehmungen von innen und außen zusammenbringt, um effektive Reaktionen zu ermöglichen. Deshalb lernen wir aus Erfahrungen – schon im Mutterleib während der Schwangerschaft. Wenn das Ungeborene unruhig ist und boxt, spricht die Mutter mit ihm, und es beruhigt sich. Ab dem vierten Schwangerschaftsmonat kann es unbewusst einen Zusammenhang herstellen vom Abklingen einer Erregung und der beruhigenden Stimme der Mutter. Dort liegt im Grunde die Wurzel aller Musik. Wir nehmen die Rhythmen, den Herzschlag, das Rauschen der Blutgefäße, das Atmen wahr und verbinden das hormonelle Geschehen der Gefühlszustände mit Geräuschen. Später funktioniert das auch so. Wenn man ein Musikstück langsam spielt, beruhigt es, wenn man es schneller spielt, regt es einen auf. Mit Musik kann man deshalb versuchen, einen Patienten herunter zu pegeln.

GESUND: Musik erklingt heutzutage fast überall, im Radio, im Supermarkt, zu Hause. Vor allem jüngere Menschen bewegen sich nur noch mit Kopfhörern durch die Welt. Warum?
Rasche: Was im Radio oder MP3-Player läuft, ist oft etwas schneller als unser Herzschlag und hält einen stets in leichter Anspannung. Das kann sogar süchtig machen. Bei meinen Kindern habe ich den Eindruck, sie fahren sich mit Musik morgens vor der Schule wie einen Computer hoch. Mit ganz einfachen Rhythmen, Harmonien, Kadenzformen. Das scheinen Grundmuster zu sein, die die Psyche braucht. Die Synkopen bringen einen innerlich immer auf die Eins. Es macht innerlich etwas mit einem, wenn man sich darauf einlässt, dass man auf Eins den Arm hochreißt und auf Zwei auf die Trommel schlägt.

GESUND: Bringt einen solche Musikberieselung mit sich selbst in Einklang?
Rasche: Das glaube ich nicht. Im Unbewussten liegen ganz andere Inhalte und Rhythmen, als sie in der oft maschinell hergestellten Musik vorkommen. Die bringt einen nur auf Trab, immer gerade Takte, eine Art Marschmusik und ein sehr stereotyper Bewegungsablauf. Darin fehlt gerade das Tanzen um die eigene Mitte. In der alten Musik dagegen waren die Dreier-Rhythmen die entscheidenden, eins-zwei-drei-eins-zwei-drei wo man den Schwerpunkt vom einen Takt zum nächsten auf das andere Bein verlagert. Bis zur französischen Revolution war es der entscheidende Rhythmus. Das hat auch mit einer psychischen Strukturierung zu tun.

GESUND: Was kann denn Psyche und Taktmaß miteinander verbinden?
Rasche: Es gibt in der Psychoanalyse das Konzept der sogenannten Triangulierung. Mutter und Kind bilden eine Einheit, eine Dyade, dann ein Hin und Her. Um sich aus dieser Ambivalenz lösen zu können, braucht man einen Standpunkt außerhalb, wo man erst erkennen kann, was Mutter und was Kind ist. Dazu wird üblicherweise der Vater herangezogen. Deshalb ist die Zahl drei so aktiv, wird häufig männlich akzentuiert und bringt Energie. Und die Zahl vier steht für das Entdecken des Selbst: Ich bin nicht nur Kind meiner Eltern, sondern ich bin auch ich. Vier ist die Zahl einer neuen Ebene von Ganzheit, in der das Schicksal mitspielt, das man annehmen muss, und in der sich eine Welt mit vier Himmelsrichtungen entfaltet. Das ist die Musik der sogenannten Individuation. Zum Beispiel Beethovens fünfte Sinfonie: Da-da-da-dam – hier wird richtig gezählt: eins-zwei-drei-vier. Beethovens Musik führt in die moderne Welt.

GESUND: Auch Pop und Rock ist Vier-Viertel-Takt.
Rasche: Aber kein emanzipierter, sondern eher zwei mal zwei. Das Element Ich-nehme-mein-Leben-selbst-in-die-Hand fehlt. Es sind eher Stampftänze wie in den Demeter-Kulten des alten Griechenland, in denen man der großen Mutter huldigte. In diese Welt führt die matriarchalische Musik zurück, ebenso wie Marschmusik: zur Gleichschaltung.

GESUND: Zu ihren Patienten gehören auch einige Musiker. Hadern sie mit der Musik?
Rasche: Nicht mit der Musik, aber häufig mit dem Beruf. Die klassische Musikerausbildung führt nicht zum Musizieren hin, sondern zu einer Perfektion. Sie sollen das Handwerk perfekt abliefern, können dabei aber seelisch öfter nicht glücklich werden.


Wie Musik einen Menschen (berühren kann, das schildert der Film „Touch the Sound“ über die fast taube Schlagzeugerin Evelyn Glennie. (auf DVD erhältlich)

 

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Musiktherapie

Behandlung Musiktherapie wird vor allem im Bereich der psychischen Erkrankungen bei Erwachsenen und Kindern angewendet, aber auch zur Rehabilitation bei Schlaganfall, bei Tinnitus und Alzheimer. Unterschieden wird zwischen aktiver Therapie (Experimentieren mit einfachen Instrumenten) und rezeptiver Therapie (aktives Hören von Musik, die auf die Situation des Patienten zugeschnitten ist). Die Behandlung muss in vielen Fällen vom Patienten bezahlt werden.

Adressen Über Musiktherapie und therapeutische Einrichtungen informiert die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft, Libauer Straße 17, 10245 Berlin, Tel: 030-294 924 93. Internet: www.musiktherapie.de. Mit einer psychoanalytischen Sicht auf die Musik beschäftigt sich die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse und Musik. Kontakt über Dr. Sebastian Leikert, Sophienstr. 164, 76135 Karlsruhe, Tel.: 0721-1327850. Internet: www.psychoanalyse-und-musik.de

Zum Nachlesen „Das Lied des Grünen Löwen. Musik als Spiegel der Seele“ von Jörg Rasche, 2004, 429 Seiten, Walter-Verlag, 52 Euro. (nur noch Restauflage oder antiquarisch). „Musik und Psyche“, Heft 154 der Zeitschrift „Analytische Psychologie“, 17,50 Euro, zu bestellen bei Brandes & Apsel, Tel. 069-272 995 17 0, www.brandes-apsel-verlag.de. Interessante Beiträge zum Thema finden sich auch unter www.psychoanalyse-und-musik.de