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Kleine Rotznasen
Im Kindergarten ist die Ansteckungsgefahr nicht nur für die Kleinen besonders groß. Oft tragen sie Keime nach Hause Foto:pa/dpa

Kleine Rotznasen

Von Sylke Heun | 21. Jan 2010 | Kinder

Infektionen

Die Nachricht, aufgeschnappt vor dem Kindergarten, klingt tröstlich und vielversprechend. Wer viel Kontakt mit Kindern hat, wird älter. Der Grund: Weil sich Eltern, Erzieher und andere Menschen mit häufigem Kinderkontakt regelmäßig bei den Kleinen mit allen möglichen Krankheiten anstecken, härtet das auch den eigenen Körper ab und dieser ist noch Jahrzehnte später weniger anfällig für Infekte.

Hatten wir – eine Familie mit einem Vier- und einer Zweijährigen – in diesem Winter nicht schon zwei Magen-Darm-Erkrankungen und mindestens drei Erkältungen? Macht das jetzt ein halbes Jahr Leben mehr? „Interessante Idee, aber das würde ich mit einem ganz großen Fragezeichen versehen“, sagt Dr. Peter Walger, Oberarzt und Infektiologe am Universitätsklinikum Bonn. Wissenschaftlich nachgewiesen sei bisher nur, dass zahlreiche banale Infektionen im Kindesalter die Betroffenen selbst vor Erkrankungen im späteren Leben schützen. „Das basiert auf Langzeit-Untersuchungen, bei denen Kinder aus ländlicher Umgebung und kinderreichen Familien mit Einzelkindern aus der Stadt und hohem Ansteckungsrisiko aus Kindertagesstätten verglichen wurden“, sagt Walger.

Das heißt: Wer im Kita-Matsch spielen darf und eine Dauerrotznase sein Eigen nennt, leidet später weniger häufig an Allergien und autoimmunen Krankheiten. Und nicht nur das: „Es gibt sogar Hinweise auf weniger Krebserkrankungen bei einer Kindheit mit zahlreichen Infekten.“ Mit Blick auf ein ganzes, möglichst langes Leben rät der Arzt deshalb zu einer Kombination aus der Abhärtung durch Infektionen und dem Impfen von Geburt an. „Impfen ist absolut existenziell“, sagt der Intensivmediziner. Nicht nur, um die Kinder vor diesen nicht immer harmlos verlaufenden Infektionen zu schützen, sondern auch, um nicht geimpfte Erwachsene vor Kinderkrankheiten wie Windpocken oder Masern zu verschonen, „denn bei ihnen verläuft die Krankheit deutlich schlimmer als bei Kindern“, so Dr. Walger, der solche Patienten regelmäßig auf der Intensivstation der Uniklinik Bonn behandeln muss.

Mehr als hundert Erreger lösen Erkältungen aus

Der Hamburger Kinderarzt Dr. Hans-Ulrich Neumann glaubt ebenfalls nicht an die These „Kinder = längeres Leben“. Allein eine Erkältung könne von mehr als 100 verschiedenen Erregern ausgelöst werden. Bei der Vielzahl von Krankheiten sei es für einen Körper deshalb unmöglich, sich zu immunisieren. Wer sich oder seine Kinder abhärten möchte, solle auf folgende Maßnahmen setzen: viel an die frische Luft gehen und die richtige Kleidung tragen.

„Im Winter darf der Körper auch mal frieren“, sagt Neumann. „Mit viel Trinken und nassen Tüchern, die nachts über die Heizung gelegt werden, bleiben die Schleimhäute feucht und sind damit weniger infektanfällig. Ganz wichtig ist das regelmäßige Lüften, bei dem die Fenster zehn Minuten weit offen stehen. Die optimale Zimmertemperatur nachts liegt bei 17 Grad. Gerade in der Umgebung von Kindern ist das Rauchen tabu, eine gesunde Ernährung mit vielen Vitaminen hilft der Körperabwehr.“

Und was, wenn nun doch etwas dran wäre, an der Idee der lebensverlängernden Kinder? „Dann könnte ich mir vorstellen, dass sich die Erklärung in dem relativ neuen Forschungsbereich der Psychoneuroimmunologie finden lässt“, sagt der Kinderarzt. Dass die Psyche sich auf den Körper auswirken kann, ist inzwischen nachgewiesen. Und welche Mutter kennt das Phänomen nicht: „Das eine Kind spuckt, das andere schnieft, der Kühlschrank ist leer. Ich darf jetzt einfach nicht krank werden.“

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