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Noten für den Arzt
Foto: imago/pa

Noten für den Arzt

Von Dieter Weirauch | 19. Aug 2010 | Rat & Service

Internet

Mehr als sechs Millionen Deutsche suchen ihren Arzt im Internet. Sie lassen sich von Erfahrungen anderer Patienten leiten, die dort über ihre Behandlung Auskunft gegeben haben. Jetzt wollen auch die Ortskrankenkassen (AOK) groß in diesen Service einsteigen. Sie fordern ihre 24 Millionen Versicherten auf, Noten an die Ärzte zu verteilen. Ist der Doktor freundlich, die Praxis sauber, muss man warten, hilft die Behandlung? All das soll künftig über 138.000 Mediziner für jedermann sichtbar im Netz stehen. Ende September geht das Angebot online. Andere Kassen wie etwa die TK planen Ähnliches.

Die meisten Ärzte noch ohne Bewertungen

Nach Ansicht von Experten könnte die AOK-Initiative den Durchbruch für Arztbewertungen im Netz bringen. Zwar gibt es schon heute mehr als ein Dutzend solcher Angebote, aber diese meist von Internetfirmen betriebenen Portale tun sich schwer damit, ausreichend Erfahrungsberichte von Patienten einzusammeln. Die meisten Einträge in Angeboten wie DocInsider, jameda, imedo oder sanego sind reine Adressen-Infos. Dort findet man zwar schnell Allgemein- und Fachärzte in seiner Umgebung, in den meisten Fällen fehlen jedoch tatsächliche Bewertungen. Und nicht einmal die Adressen sind immer auf dem aktuellen Stand.

Wenn Patienten Kommentare hinterlassen haben, bleiben die Aussagen oft widersprüchlich: „Unfreundlich und hochnäsig“ findet beispielsweise auf jameda ein Patient seinen Kardiologen, „freundlich und kompetent“ lautet das Urteil eines anderen. „Hat mir nachhaltig geholfen, bin begeistert“ lobt jemand auf docinsider.de einen Orthopäden, „nicht zu empfehlen (…) Behandlungsgeräte liegen den ganzen Tag in einer undefinierbaren Wasserbrühe“ ekelt sich ein anderer, ein dritter schreibt: „alles ordentlich und gepflegt“. Welche Erkenntnisse sollen Nutzer aus solchen Angaben ziehen? Und wie lässt sich verhindern, dass Ärzte selbst ihre Praxis unter falschem Namen loben oder den Konkurrenten madig machen?

Die Mehrheit der Mediziner beobachtet die Angebote mit Skepsis. Im Auftrag der Ärzteverbände überprüft derzeit das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin die zehn größten Bewertungsportale. Die Berliner Experten legen dabei Wert auf ein verständliches Benotungsverfahren, Einträge müssten redaktionell geprüft, Täuschungsmanöver und Schmähkritik ausgeschlossen werden.

Operation „krass misslungen“

Nach Ansicht vieler Mediziner fehlt Patienten als medizinischen Laien der Sachverstand, um eine Behandlung fachlich zu beurteilen. Nachhaltige Erfahrung damit, wie Patientenzorn sich im Netz entladen kann, hat Dr. Rainer Schmidt gesammelt. In verschiedenen Portalen wird der Hamburger Urologe einer „krass misslungenen“ Green-Light-Laser-Behandlung beschuldigt, obwohl ihn alle Gutachten entlasten. Seither schreibt Schmidt lange Stellungnahmen, wo immer sich der Patient äußert. „Auch DocInsider nahm die Bewertung nicht vom Netz, war der Meinung, dass es sich nicht um Schmähkritik handelt“, sagt Schmidt. „Ich konnte mich zu den Vorwürfen aber ausführlich rechtfertigen.“

Manche Bewertungen seien eine Gratwanderung zwischen Meinungsfreiheit und Rufschädigung, sagt Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Wenn das Portal keine redaktionelle Kontrolle hat, dann bleiben die rufschädigenden Beleidigungen schon mal mehrere Tage im Netz.“ Deshalb begrüßt Kranich das AOK-Projekt, das gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung sowie Patienten- und Verbraucherorganisationen entwickelt wird. Unter www.aok-arztnavi.de werden Arzt-Noten erst dann online gehen, wenn mindestens zehn Patienten einen Bewertungsbogen mit jeweils 33 Fragen ausgefüllt haben. Freie Kommentare wie in anderen Portalen soll es gar nicht erst geben.

Während die Arzt-Noten für alle einsehbar sind, können Bewertungen nur von AOK-Mitgliedern abgegeben werden. Manipulationen wollen die Ortskrankenkassen dadurch verhindern, dass sich jeder Nutzer durch seine Mitgliedsnummer registriert. Anonymität sei dennoch gewährleistet, verspricht Projektmanager Timo Thranberend von der Bertelsmann Stiftung. „Weder die Kasse noch der Arzt können Rückschlüsse auf den Patienten ziehen.“ Der Wunsch der Entwickler ist es, die Bewertung später auch für Versicherte anderer Krankenkassen zu ermöglichen. Außerdem soll das System auf Zahnärzte und Psychotherapeuten ausgeweitet werden.

„Hier werden Versicherungsgelder verschwendet und ein immenser finanzieller Aufwand betrieben“, wettert dagegen DocInsider-Gründer Ingo Horak. Er bezweifelt, dass ein AOK-Versicherter unter Angabe seiner Versicherungsnummer seinen Arzt bewerten will. „Die Krankenkassen haben keine große Glaubwürdigkeit.“ Horak, der seit kurzem mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns kooperiert, vermutet, dass die Kasse strategische Informationen abfragen will, die sie nicht immer zum Wohl der Ärzte in Vertragsverhandlungen einsetzen könnte.

Schlechte Bewertung als Druckmittel

„Ein eigenständiges Kassenportal hat immer einen Beigeschmack“, sagt auch Raimund Dehmlow von der Ärztekammer Niedersachsen und plädiert für ein unabhängiges, qualitätsgeprüftes Angebot. „Man kann davon ausgehen, dass es für die AOK auch um Informationen über Ärzte geht, die sie unter normalen Umständen nicht in die Hand bekommt, die aber als Druckmittel bei Vertragsverhandlungen einsetzbar sind.“ 

Immerhin sollen Ärzte beim AOK-Navigator die Möglichkeit bekommen, einer Bewertung komplett zu widersprechen. Der Nutzer sieht dann nur die Adresse und einen entsprechenden Hinweis. Walter Plassmann, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg prophezeit, dass viele Mediziner von dieser Möglichkeit Gebrauch machen werden. „Sie widersprechen der Bewertung, weil sie keine Patienten mehr annehmen können. An einer positiven Darstellung haben sie deshalb gar kein Interesse.“ 

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Portale Bewertungsportale werden meist von privaten Internetfirmen betrieben wie DocInsider oder jameda. Der AOK-Arztnavigator, der in Berlin, Hamburg und Thüringen getestet wird und 13.000 Ärzte bewertet, startet bundesweit im Herbst. Bei der Techniker Krankenkasse (TK) soll ein ähnliches Projekt im nächsten Jahr online gehen.

Qualität Kein Portal kann nach Einschätzung den Missbrauch von Bewertungen sicher ausschließen. Eine gewisse Vorsicht ist deshalb bei der Lektüre stets angebracht. Viele Portale vergeben schon Arzt-Noten, wenn nur eine einzige Bewertung vorliegt. Wer eigene Bewertungen schreibt, sollte beachten, dass er die Tatsachenbehauptungen im Zweifel beweisen kann und vorsichtig mit der Preisgabe von persönlichen Daten sein.