Dies ist eine grüne Wiese, aber keine Wüstenoase. Was suchen dann die strubbeligen Kamele mit den Fetthöckern in Brandenburg? Sie warten auf Touristen, aber auch auf Patienten. Die Physiotherapeutin Jacqueline Majumder bietet Krankengymnastik auf Trampeltieren an.
„Nach dem Kamelritt konnte ich sofort viel besser laufen“, hat der durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmte Patient Horst K. erlebt. Auch die an Multiple Sklerose (MS) erkrankte Manuela Börner machte positive Erfahrungen: „Ich war sehr erstaunt, einige Stunden ohne Gehhilfe auszukommen und wurde sehr euphorisch.“
Bewegungsimpulse wirken auf Becken und Wirbelsäule
Jacqueline Majumder versteht auch etwas von Hippotherapie. Bei dieser Behandlung findet die Krankengymnastik auf dem Rücken eines Pferdes statt. Der heilende Effekt: Bewegungsimpulse werden auf Becken und Wirbelsäule des Patienten übertragen. Halbseitig gelähmte Menschen können so ein Gefühl für Körpermitte und Balance entwickeln, gleichzeitig wird die Muskelspannung positiv beeinflusst. Zu harte Muskeln lockern sich, schlaffe werden spannungsfähiger. Doch warum Kamele? „Das spezifische Niederknien und Aufstehen der Kamele ist für die Therapie mit meinen neurologisch geschädigten Patienten ideal“, sagt Majumder. Per Zufall entdeckte sie die Trampeltiere des Fleckschnupphofes in Oranienburg-Nassenheide bei Berlin. Dort lebt Kamelzüchterin Gabi Heidicke mit ihrer Familie und bietet – hauptsächlich für Touristen – das Kamelreiten an. Inzwischen hat sie auch die Kameltherapie im Angebot.
„Die Tiere sind mit ihren beiden Höckern und dem schmalen Rücken anatomisch wie geschaffen für die Therapie“, sagt Majumder. Nach dem Kamelritt würden die Patienten aber nicht sofort nach Hause geschickt: „Jetzt erst beginnt das Training, das dabei hilft, Menschen mit Handicaps in den Alltag zu integrieren.“ Die Behandlung gehe am Herd in der Küche, im Hobbykeller oder hinter dem Steuer eines Autos weiter. Die Kranken könnten dort sofort ihre motorischen Fortschritte in die Praxis umsetzen, sagt Majumder. Doch nicht nur Muskeln und Balance würden trainiert. Die Begegnung mit dem exotischen Tier mit dem weichen Fell wecke Sinnesreize, die sich – ähnlich wie in der Delfin-Therapie – positiv auf Gehirn und Motorik – und damit auf den Heilerfolg auswirken können.
Die Trampeltiere im Dienst der Gesundheit stammen ursprünglich aus Asien. Wild lebende Tiere kommen heute nur noch selten in der Wüste Gobi oder der Mongolei vor. Domestiziert sind die Zweihöcker mit den dicken, weichen Sohlenpolstern als Lasttiere weit verbreitet. In Nassenheide gibt es acht Kamele. Mit wuscheligem Pony, großen Augen, langen Wimpern, weichem Maul und langsamen Bewegungen wirken die hellbeigefarbenen bis dunkelbraunen Riesen sanftmütig.
Die Höcker sind Lehne und Haltegriff zugleich
Kamelpfleger Hannes vom Fleckschnupphof lässt den grummelnden Aladin niederknien. Noch ist MS-Patientin Margret Schöppe etwas ängstlich. Doch als sie mit Hilfe der Therapeutin fest im Sattel sitzt, findet sie in den beiden Höckern die perfekte Vorder- und Rückenlehne. Frau Schöppe streichelt den Vorderhöcker, der bei den großen Schwankungen – Majumder nennt das Reiten „Wiedergewinn und Verlust von Stabilität“ – gleichzeitig ihr Haltegriff ist. Und dann steht das Kamel auf, die Patientin fällt etwas nach vorn und dann wieder nach hinten. Das Kamel bewegt sich nun federnden Schritts zur Koppel. Der Körper der Kranken passt sich ohne ihr Zutun dem Gangrhythmus an – und wird beweglicher. „Wie geht’s Ihnen jetzt?“ ruft Trainerin Majumder nach oben. Die Patientin, die in fast zwei Meter Höhe auf dem Kamel sitzt, hat inzwischen Vertrauen gefasst. Frau Schöppe schließt die Augen, breitet ihre Arme aus und schaukelt sogar „freihändig“ auf dem Tier. Je nach Fähigkeit und Fitness bleiben die Patienten bis zu 40 Minuten im Sattel.
Therapiestunden müssen selbst bezahlt werden
Dr. Thomas Haas vom St.-Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee hat die Kameltherapie beobachtet. Der Neurologe, der viele MS-Kranke behandelt, beurteilt die Therapie positiv: „Es werden Gleichgewichtssinn und Feinmotorik geschult.“ Und: „Dazu kommt das Bewusstsein, sich etwas zuzutrauen, den Mut zu haben, aufs Kamel zu steigen. Das beflügelt die Leistungsfähigkeit, die bei MS-Kranken oft durch depressive Stimmungen gebremst wird.“ Auch die Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe begrüßt das therapeutische Kamelreiten. „Leider wird es von den Krankenkassen nicht anerkannt“, bedauert Majumder. Eine Therapieeinheit kostet 180 Euro. Gerade hat sie den Verein Therapiekamel e.V. gegründet, der einzelnen die Krankengymnastik finanzieren möchte.

