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Landarzt auf hoher See
chiffsarzt Dr. Matthias Dorsch verfügt an Bord der AIDAaura über eine gut ausgerüstete Krankenstation Foto: Michael Zapf

Landarzt auf hoher See

Von Sylke Heun | 08. Jul 2010 | Medizin

Porträt

Kaugummi kauen? Schnaps trinken? Frische Luft schnappen? Dr. Matthias Dorsch schaut belustigt und schüttelt mit dem Kopf. „Bei Seekrankheit gibt es nur eine, dafür sehr effektive Hilfe, eine Spritze Dimenhydrinat in den Allerwertesten.“ Der unter dem Namen Vomex bekannte Wirkstoff beruhigt das zentrale Brechzentrum und macht angenehm müde. Das hilft, ansonsten nix.

Der Internist weiß, wovon er spricht. Oft genug konnte er Reisenden schon damit helfen. Manchmal sogar bei ganz ruhigem Seegang. „Es gibt Wellen, die rollen von hinten oder der Seite an, die sieht man gar nicht“, sagt der Bordarzt und trotzdem bringen sie die Sinnesorgane durcheinander. Die ebenso harmlose wie lästige Seekrankheit ist der Ausreißer, ansonsten seien die Krankheitsbilder an Bord „die gleichen wie in einer Landarztpraxis“ auch. Erkältungen, Magenverstimmungen und kleinere Unfälle machen das Gros aus.

Arztbriefe und anstrengende Nachtschichten gibt es nicht

Dafür ist das Bordhospital auf Deck 3 der AIDAaura, auf der Dr. Matthias Dorsch gerade im Norden Europas unterwegs ist, allerdings bemerkenswert gut ausgestattet. Es gibt einen OP-Tisch und zwei Krankenzimmer mit Bullaugen und Fernseher. Die Geräte zum Ultraschall und Röntgen und der Defibrillator sind rutschsicher festgemacht, ein Labor steht bereit, sogar ein Zahnbohrer ist vorhanden. Mitreisende Ärzte staunen oft, wenn sie das sehen. Und das passiert häufig, denn sie werden gleich am ersten Tag ihres Urlaubes zum Ärztetreffen ins Hospital eingeladen. „Wenn sie sich dazu bereit erklären, nutzen wir den Kontakt im Ernstfall“, sagt Dr. Matthias Dorsch und erinnert den Einsatz einer Gynäkologin, die ihm bei einer schwangeren Frau mit plötzlich auftretenden Blutungen helfen konnte.

Und sonstige Notfälle? Wie oft musste er schon Leben an Bord retten? „Gar nicht“, sagt er. Das sei das Schöne an dieser Arbeit. Früher musste er als Internist im Krankenhaus Entscheidungen auf Leben und Tod treffen, sterbende Menschen begleiten, Ängste ertragen helfen. Das passiert an Bord nicht. Die Schiffe steuern fast jeden Tag einen anderen Hafen mit Krankenhäusern und Spezialisten an. Der bisher dringendste Fall war ein Reisender mit einer inneren Blutung. Dr. Matthias Dorsch informierte den Kapitän, dieser lenkte außerplanmäßig gen Malaga, ein Seenotkreuzer holte den Patienten vor der Küste ab, und damit war die Sache gut geregelt. Auch andere lästige Landpflichten entfallen an Bord. Arztbriefe beispielsweise, das pure Gräuel für Matthias Dorsch, müssen auf dem Kreuzfahrtschiff nur selten geschrieben werden. Und auch anstrengende Nachtschichten gibt es auf See nicht.

Zweimal am Tag ist Sprechstunde

Der junge Arzt teilt sich die Arbeit mit einem Kollegen. Auf der aktuellen Fahrt ist es Dr. Kuno Schnelle, der vor zwei Jahren als Klinikchef in Dortmund in Pension ging, zu Hause aber nicht einrosten wollte. Die beiden Ärzte, die von zwei Krankenschwestern unterstützt werden, ergänzen und beraten sich. Und wenn nichts anliegt, wechseln sie sich im 24-Stunden-Rhythmus ab. Wer gerade Dienst hat, übernimmt auch die zwei Sprechstunden am Tag, die erste von 7.30 bis 10 Uhr, die zweite von 16 bis 19.30 Uhr.

Klingt wie ein Traumjob. „Ist es auch“, sagt der großgewachsene, vom Typ her eher zurückhaltende Arzt. Dazu verholfen haben ihm zwei Dinge. Zum einen der Umzug nach Hamburg und viele Ausflüge in den Hafen, die das Fernweh in ihm weckten. Zum anderen die Verlobte seines besten Freundes, die ihm von ihrer Arbeit als Krankenschwester an Bord erzählte. Daraufhin bewarb er sich und wurde bis heute nicht enttäuscht. Kein Wunder bei der Aussicht auf Karibik im Winter und Norwegen im Sommer. Zwar sei auch bei ihm viel Routine mit dabei, aber da ist andererseits ja auch das Schiff mit den ständig wechselnden rund 1200 Passagieren und den 400 Besatzungsmitgliedern aus allen Nationen. Matthias Dorsch darf alle Angebote an Bord nutzen, egal ob Wellness, Fitness, das Theater oder die Landausflüge.

Ein alter Seebär will er nicht werden

Ist der Bordarzt im öffentlichen Raum unterwegs, wird er am goldenen Äskulapstab auf seinen Schulterklappen – neben drei Streifen, die ihn als Offizier ausweisen – schnell erkannt und in Gespräche verwickelt. Möchte er mehr Ruhe, gibt es für die Mannschaft eine eigene Bar und Disco. Der Bereich direkt am Bug des Schiffes ist ebenfalls der Crew zum Sonnen und Ausruhen vorbehalten. Um diesen Platz wird die Mannschaft bei jedem Aus- und Einlaufen von Schaulustigen beneidet.


Dr. Matthias Dorsch ist allerdings eher beim Sport anzutreffen, damit das Essen an Bord nicht sofort an seinem Bauch andockt. Oder hinter seinem Laptop oder einem Buch. „Ich nutze meine freie Zeit zur Fortbildung“, sagt der junge Arzt. Denn so schön die Arbeit zurzeit auch ist, ein alter Seebär will er nicht werden. Seine Aufmerksamkeit gilt der anthroposophischen Medizin. Noch ein oder zwei Jahre auf See, dann könne er sich eine Zusatzausbildung vorstellen. Die gibt es allerdings nur in der Schweiz – und damit wieder ganz weit weg von Wind und Wellen.

Schiffsarzt Dr. Matthias Dorsch verfügt an Bord der AIDAaura über eine gut ausgerüstete Krankenstation. Einrichtung und Geräte sind rutschsicher befestigt Foto: Michael Zapf

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Zur Person

Dr. Matthias Dorsch Auf einem Bauernhof bei Bamberg in Bayern ist Matthias Dorsch groß geworden. Aber nach dem Abitur hielt es das jüngste von sechs Kindern nicht mehr auf dem Land. Der heute 36-Jährige studierte in Leipzig Medizin, arbeitete danach als Internist in Frankreich, dann in Würzburg, in Hamburg und nach einem mehrmonatigen Abstecher nach Australien wieder in Bamberg. Vor zwei Jahren probierte er sich als Schiffsarzt aus. „Ich wusste ja gar nicht, ob ich seefest bin“ – und blieb an Bord hängen. „Diese Stelle passt optimal in meine Lebenssituation“, sagt Matthias Dorsch. Denn noch gibt es weder Frau noch Kinder, die zu Hause auf ihn warten.