Sie überspringen beim Lesen ganze Zeilen, verwechseln „b“, „d“, „p“ und „q“, schreiben häufig benutzte Wörter mal so und mahl soh. Unter Schulkindern wird die Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) zum wachsenden Problem. Glaubt man Untersuchungen, so stoßen fünf Prozent der ABC-Anfänger auf kaum überwindbare Schwierigkeiten, vier Millionen Deutsche haben laut Pisa-Schätzung die Schule als „funktionale Analphabeten“ verlassen. Dabei könnte man das Verständnis für Schriftsprache wesentlich erfolgreicher fördern, meinen Experten.
Mit Übungsprogrammen für Vorschulkinder experimentieren Psychologen der Universität Würzburg. Mit ihrem Training „Hören, Lauschen, Lernen“ (Info-Kasten) schulen sie im Kindergarten über 20 Wochen in fünfzehn Minuten täglich die „phonologische Bewusstheit“. Gemeint ist die Fähigkeit, im Gesprochenen die gehörten Laute, den Klang, die Struktur zu erkennen. Dass man Sprache in Wörter, Wörter in Silben, Silben in Laute zerlegen kann, das muss man erst einmal begreifen. Für alle Kinder ist das ein weiter Weg. Aber manche gehen ihn besonders langsam.
Gängige Tests können das Risiko nicht erkennen
Die Ergebnisse des Trainings seien durchaus ermutigend, sagt Dr. Peter Marx, Psychologe an der Uni Würzburg. Zu den Übungen gehören Lausch-, Reim-, Silbenspiele und mittlerweile auch ein Buchstaben-Laut-Training. So geübten Kindern falle später das Schreibenlernen deutlich leichter. Weniger gut schnitten in den Langzeit-Untersuchungen an über 300 Teilnehmern allerdings gängige Testverfahren ab, die Risiko-Kinder beizeiten erkennen sollen. Nur 30 bis 50 Prozent derjenigen, die später in der Schule tatsächlich schlecht lesen und schreiben konnten, fielen im Screening auf, während die meisten auffälligen Kinder keine LRS entwickelten. Es sei daher zu überlegen, bei allen Kindern die phonologische Bewusstheit zu fördern, und nicht nur bei jenen, die in Risikogruppen eingestuft würden.
Eltern werden des Problems oft erst in der zweiten oder dritten Klasse gewahr, wenn das Kind mit Auswendiglernen nicht mehr weiterkommt. Dann beginnt oft eine Odyssee zwischen Pädagogen, Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten. Am Ende kann die Schule zusätzlich zur Förderung einen sogenannten Nachteilsausgleich gewähren: mehr Zeit für Klassenarbeiten etwa oder besondere Bewertung in schriftlichen Arbeiten (siehe Kasten). Die Krankenkasse aber bezahlt eine Behandlung in der Regel nicht.
Widersprüchliche Meinungen über Ursachen und Therapie
Über Ursachen und Therapie von LRS gibt es viele und widersprüchliche Lehrmeinungen. Die medizinische Sicht deutet die Schwäche als „Teilleistungsstörung“, die man im Erbgut lokalisieren und im Tomografen sichtbar machen könne. Das Handicap begleitet nach Überzeugung vieler Kinderpsychiater die Patienten ein Leben lang. Dem widerspricht Ingrid M. Naegele, Pädagogin aus Frankfurt/Main. Sie beschäftigt sich seit fast 50 Jahren mit LRS, hat Handbücher für Lehrer und Eltern herausgegeben und Therapien entwickelt (siehe Info-Kasten). Eine ihrer früheren Schülerinnen habe mittlerweile sogar ein Buch geschrieben, berichtet die 69-Jährige, die Mehrzahl lese und schreibe heute auf normalem Niveau.
Die meisten Kinder mit LRS, so Naegele, hätten Schule und Lesen hassen gelernt. Deshalb müsse man in der Therapie zunächst das Selbstvertrauen aufbauen und einen neuen Zugang zur Schrift finden. Derzeit entwickelt sie Übungsmaterial für Schüler der vierten bis achten Klasse. Die Texte sollen Jugendliche mit für sie relevanten Themen ansprechen, in denen nebenbei die Schreibweise der 100 meistbenutzten Wörter trainiert wird.
„Viel zu viele Schüler versagen nicht aufgrund individueller Defekte, sondern weil das Schulsystem nicht in der Lage ist, den Anfangsunterricht in der Grundschule inhaltlich und personell zu verbessern“, sagt Naegele. „Die Qualität des Grundschulunterrichts so zu verbessern, dass kein Kind scheitern muss, wäre eine lohnende Investition in die Zukunft.“

