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Unberechenbar
Überwachung auf der Intensivstation einer Kinderklinik Foto: pa/dpa

Unberechenbar

Von Christian Seel | 08. Jun 2010 | Kinder

Meningokokken

Infektionen mit Meningokokken sind für Kinder, Eltern und Ärzte fast immer ein grausiges Ereignis. Was mit Anzeichen eines harmlosen grippalen Infekts beginnt, führt oft innerhalb von Stunden zum Kampf auf Leben und Tod. Seit vier Jahren wird die Impfung dagegen für Kinder ab zwölf Monaten empfohlen und von den Kassen bezahlt, aber Erfolge sind kaum messbar. Die Fallzahlen steigen sogar wieder leicht, und gegen den hierzulande meistverbreiteten Bakterien-Typ bleibt der Schutz wirkungslos. Nun stehen neue Impfstoffe vor der Zulassung, die solche bedrohlichen Infektionen verhindern sollen.

An der Universität Würzburg residiert das Nationale Referenzzentrum für Meningokokken (NRZM), das die meisten Fälle erfasst. Dort versucht man seit Jahren dem Rätsel des Bakteriums auf die Spur zu kommen. Bei jedem zehnten Menschen siedelt es nämlich völlig harmlos im Rachenraum, bei einigen wenigen aber überwindet der Erreger in dramatischem Tempo die Schleimhautbarriere. Hirnhautentzündung (Meningitis) und im schlimmsten Fall eine Blutvergiftung (Sepsis) schreiten so schnell voran, dass trotz Antibiotika jeder Zehnte stirbt. Weitere zehn Prozent der Betroffenen sind lebenslang beeinträchtigt. Einige werden taub, anderen müssen Gliedmaßen amputiert werden.

Bei welchem Patienten es zur Infektion kommt, und bei welchem nicht, sei nicht vorhersehbar, sagt NRZM-Mediziner Dr. Johannes Elias. Man kenne allerdings Faktoren, die mit einem höheren Risiko für eine Infektion verbunden sind. So scheinen einige klonale Gruppen des Bakteriums erheblich gefährlicher zu sein als andere. Auch der genetische Hintergrund des Patienten spiele eine Rolle, außerdem das persönliche Verhalten. Die geschädigten Schleimhäute bei jugendlichen Rauchern etwa würden die Infektionsgefahr ebenso steigern wie die in der Pubertät beginnenden Sexualkontakte, sagt Experte Elias.

Für Babys ist das relative Risiko besonders hoch

Andererseits sind Infektionen in Deutschland ausgesprochen selten, auch wenn sie seit 2006 wieder zunehmen. 492 Fälle gab es hierzulande 2009, rund neun Prozent mehr als im Jahr davor. Vergleichsweise eher gefährdet sind Kinder unter Fünf und Teenager.
Relativ am höchsten ist das Risiko im ersten Lebensjahr (ein Fall pro 10?000 Babys). Hier stellt der rasche Krankheitsverlauf Ärzte vor besondere Herausforderungen. Denn Symptome wie Fieber, Benommenheit, Erbrechen treffen auf einige Erkrankungen im Kindesalter zu. Nackensteife kann Anzeichen einer Hirnhautentzündung sein, und rot-violette Flecken zeigen möglicherweise die Blutvergiftung an. Oft muss man die Behandlung auf Verdacht beginnen, wenn Laborwerte zur eindeutigen Diagnose noch gar nicht vorliegen.

Mit Impfungen verhindern lässt sich bislang nur ein kleinerer Teil der Infektionen. Ausgerechnet der häufige Typ B, der 68 Prozent aller Fälle in Deutschland ausmacht, bereitete Impfstoffherstellern bislang Probleme. Weil der Schutzschild aus spezifischen Zuckermolekülen, mit dem sich das Bakterium umgibt, Strukturen auf menschlichen Nervenzellen zu ähnlich ist, könnte eine darauf ausgerichtete Impfung eine gefährliche Autoimmunerkrankung auslösen, fürchten die Forscher.

Pharmafirmen suchen stattdessen nach Protein-Strukturen in der Zellmembran. Geeignete Antigene haben sie nach Durchforsten des genetischen Codes der Bakterien gefunden. Klinische Studien laufen bei Pfizer und Novartis. Novartis will bereits Ende des Jahres die Zulassung bei der europäischen Gesundheitsbehörde beantragen, bestätigt eine Sprecherin. Vor 2012 dürfte der Impfstoff aber nicht zur Verfügung stehen.

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Im Notfall

Verdacht Bei Verdacht auf eine Infektion empfiehlt das Robert-Koch-Institut die rasche Klinik-Einweisung. Bei engen Kontaktpersonen sei eine Chemoprophylaxe sinnvoll. Die Krankheit ist meldepflichtig.

Impfung Die Impfkommission empfiehlt die einmalige Immunisierung gegen Typ C möglichst früh nach dem 12. Lebensmonat, bis zum 18. Lebensjahr ist sie Kassenleistung. Typ C ist für etwa 20 Prozent der Infektionen verantwortlich (ca. 90 Fälle jährlich). Die Impfung wird nach Angaben des Robert-Koch-Instituts gut vertragen, schwere Komplikationen sind sehr selten, typische seltenere Reaktionen Hautrötungen und Fieber. Kombi-Impfstoffe für die Typen A, C, W135 und Y stehen für Reisen zur Verfügung. Für Typ B (68 Prozent der Fälle) gibt es noch keine Impfung.

Infos Impf- und Verhaltensempfehlungen gibt das Robert-Koch-Institut, www.rki.de, Suchwort Meningokokken. Nationales Referenzzentrum für Meningokokken (NRZM): Tel.: 09 31/201-46161, www.meningococcus.de