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Migräne im Griff

Migräne im Griff

Von Sabine Abel | 01. Sep 2010 | Medizin

Kopfschmerzen

„Die nimmt mal wieder ihre Migräne“, heißt es häufig, wenn die Kollegin sich krankmeldet oder die Freundin die Verabredung absagt. Gemeint ist: Eigentlich geht es ihr gut, sie hat nur keine Lust. Dabei liegt die Betroffene zu Hause im abgedunkelten Zimmer mit unerträglichen Kopfschmerzen, Übelkeit bis hin zu starkem Erbrechen, extremer Licht- und Geräuschempfindlichkeit und anderen Beschwerden. Migräne ist kein psychologisches Problem, sondern eine chronische Krankheit. Die Mediziner sind inzwischen sicher, dass es genetische Ursachen gibt, für einige Migräne-Formen wurde dies bereits nachgewiesen.

Anfall kündigt sich an, lange bevor der Schmerz einsetzt

Heilbar ist die Krankheit nicht, doch die Beschwerden können in vielen Fällen gelindert und die Häufigkeit der Attacken vermindert werden. Um die Behandlungsmöglichkeiten noch zu verbessern, arbeiten Wissenschaftler weiter daran, den Ursachen der Migräne-Attacken auf die Spur zu kommen. Bildgebende Verfahren wie Positronen-Emissions-Tomografie und Kernspintomografie helfen, Abläufe im Gehirn vor und während eines Anfalls sichtbar zu machen. So wurde z. B. herausgefunden, dass ein bestimmtes Areal im Hirnstamm nur vor und während einer Migräne-Attacke aktiv ist und überempfindlich auf Reize reagiert. „Die Erregung baut sich nach und nach auf und entlädt sich dann während der Attacke“, erläutert Prof. Arne May, Leiter der Kopfschmerzambulanz am Uniklinikum Eppendorf in Hamburg. „Man nimmt an, dass hier auch der sogenannte Migräne-Generator sitzt, das heißt, die Instanz, die bestimmt, wann eine Attacke beginnt und wann sie aufhört, doch dies ist Gegenstand intensiver Forschung“, so Prof. Arne May.

Bei vielen Patienten kündige sich ein Anfall an, lange bevor der Kopfschmerz einsetzt, z. B. durch Gähnen, Konzentrationsstörungen, Heißhunger oder auch Widerwillen gegen bestimmte Nahrungsmittel oder Gerüche. „Das sind alles Symptome, die eigentlich im sogenannten limbischen System ausgelöst werden“, erläutert May, der auch Präsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft ist. Eher in diesem Teil des Gehirns vermutet er daher den Ursprung der Attacken. Das limbische System spielt eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Gefühlen, aber auch beim Lernen und der vegetativen Steuerung von Körperfunktionen.

Bevor es zu den typischen einseitigen Kopfschmerzen und anderen Beschwerden kommt, laufen komplizierte Prozesse im Gehirn ab. Man nimmt an, dass Impulse aus dem Hirnstamm zu einer Erweiterung der Blutgefäße im Gehirn und zur Freisetzung von entzündungsfördernden Stoffen führen. Sie bewirken eine sogenannte aseptische Entzündung an den Blutgefäßen. Über den Gesichtsnerv (nervus trigeminus), der mit seinen Verästelungen bis ins Gehirn reicht, werden Schmerzsignale weitergeleitet. Jeder Pulsschlag erzeugt an den entzündeten Gefäßwänden den typischen pulsierenden Migränekopfschmerz. Dazu kommen Symptome wie Übelkeit und Überempfindlichkeit gegen Reize wie Licht, Gerüche, Berührungen.

Das Nervensystem steht ständig unter Hochspannung

Medikamente wie Schmerzmittel und Triptane wirken unter anderem gegen die Entzündungen. Verantwortlich gemacht für die Entstehung der Entzündungen wird heute auch der Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene Related Peptide). Neu entwickelte Arzneistoffe, die CGRP-Antagonisten, sollen gezielt Rezeptoren für diesen Eiweißstoff blockieren. Unter anderem auf diese Rezeptoren wirken auch die Triptane, die sich in der Migräne-Behandlung bewährt haben. Sie wirken allerdings auch gefäßverengend, das kann besonders für Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen problematisch sein. Die CGRP-Antagonisten werden zurzeit noch in Studien getestet.

Einige Migräne-Patienten leiden unter einer sogenannten Aura. Bevor die Kopfschmerzen beginnen, kommt es z. B. zu Sehstörungen wie Lichtblitzen oder Flimmern vor den Augen, Empfindungs- oder Sprachstörungen. Die Mediziner nehmen an, dass sich bei ihnen die Gefäße zunächst zusammenziehen und dadurch in diesem Moment weniger Blut ins Gehirn gelangt. Die Betroffenen sollten daher die gefäßverengenden Triptane erst nach der Aura-Phase einnehmen.

Viele Migränekranke reagieren nicht nur während eines Anfalls sensibel auf Sinnesreize wie Gerüche oder helles Licht. „Das Nervensystem von Migränepatienten steht ständig unter Hochspannung. Reize werden früher und schneller vom Gehirn aufgenommen und flinker verarbeitet“, erläutert Prof. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel. Änderungen im Lebensrhythmus, Stress, hormonelle Veränderungen, Wetterwechsel, aber auch Auslöser wie bestimmte Nahrungsmittel, Alkohol können den Anstoß dazu geben, dass die Erregung im Gehirn die kritische Grenze überschreitet und eine Attacke in Gang kommt. Deshalb wird Migränepatienten zu einem ausgeglichenen Lebensstil geraten – mit einem festen Tag-Nacht-Rhythmus auch am Wochenende, regelmäßigen Mahlzeiten und Pausen. „Stress, Schlafentzug, Unterzuckerung sind klassische Trigger, Auslösefaktoren, die Attacken häufiger machen können“, betont Prof. May. Entspannungsübungen und Stressbewältigungstraining können dazu beitragen, die Attackenhäufigkeit zu vermindern. Empfohlen wird auch regelmäßiger Ausdauersport.

Wer lernt, seine persönlichen Vorankündigungszeichen für einen Migräneanfall rechtzeitig zu erkennen, kann in vielen Fällen mit gezielter Entspannung gegensteuern.

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Behandlung

Adressen von Ambulanzen und spezialisierten Ärzten sowie weitere Infos zur Migräne-Behandlung finden sie auf einer Extra-Seite.  Auch Krankenkassen nennen spezialisierte Ambulanzen, Kliniken und Ärzte.

Medikamente Leichtere Attacken können oft gut mit Schmerzmitteln wie ASS, Ibuprofen, Naproxen oder Paracetamol behandelt werden. Dr. Katja Heinze-Kuhn von der Schmerzklinik Kiel betont, dass die Mittel rechtzeitig und in ausreichender Dosierung eingenommen werden sollten. Sie empfiehlt zwei Tabletten von der höchsten rezeptfrei erhältlichen Dosis. Zur Linderung der Übelkeit und um die bessere Aufnahme des Schmerzmittels zu erreichen, hat sich die Einnahme eines Mittels gegen Übelkeit bewährt, am besten 15 Minuten vor dem Schmerzmittel.  Bei schweren Anfällen können Triptane helfen, spezielle Migräne-Medikamente. Es gibt sieben verschiedene Wirkstoffe, als Tabletten sowie zum Teil als Zäpfchen oder Spritze. Bei sehr schweren und langen Attacken könne auch ein Schmerzmittel mit einem Triptan kombiniert werden, so Katja Heinze-Kuhn.  Sie wirken alle etwas unterschiedlich, so dass man eventuell mehrere probieren muss, bis man das Mittel gefunden hat, das am besten hilft. Bei besonders schweren und langen Attacken könne auch ein Schmerzmittel mit einem Triptan kombiniert werden, wenn das Triptan allein nicht helfe, so Katja Heinze-Kuhn. Auch für Triptane gilt der Rat der Ärzte: Schmerzmittel nicht länger als drei Tage hintereinander und maximal zehn Tage im Monat nehmen, sonst können die Kopfschmerzen sogar zunehmen. Weitere Akutmedikamente werden derzeit entwickelt.

Vorbeugende Arzneien Patienten, die unter häufigen oder besonders schweren Migräneanfällen leiden, wird eine medikamentöse Prophylaxe empfohlen. Hier kommen z. B. Betablocker zum Einsatz. „Sie mindern die körperliche Reaktion auf Stress“, erläutert Prof. May. Der Wirkstoff Flunarizin hilft besonders bei Migräne, die mit Aura oder Schwindel verbunden ist. Ebenfalls bewährt haben sich bestimmte Antiepileptika, die aber zum Teil gravierende Nebenwirkungen haben können. Auch Antidepressiva werden zur Prophylaxe eingesetzt. Weitere Mittel zur Vorbeugung sind Pestwurzextrakt, CoEnzym Q10 oder hoch dosiertes Magnesium und/oder Vitamin B2.

Botox Das Bakteriengift Botulinumtoxin (Botox), das bislang für kosmetische Zwecke eingesetzt wird, soll demnächst in Deutschland für die vorbeugende Therapie bei Migräne zugelassen werden. Studien ergaben, dass speziell Patienten mit chronischer, fast täglich auftretender Migräne von der Behandlung profitieren, die Zahl der Migräne-Tage und der Schmerzmittel-Gebrauch lassen sich deutlich senken. Das Botox wird an genau festgelegten Punkten in die Kopf- und Nackenmuskulatur injiziert. Die Behandlung helfe allerdings nicht bei normaler Migräne und Spannungskopfschmerzen, betont Prof. Arne May.
Update Im September 2011 wurden Botox-Injektionen auch in Deutschland für die Behandlung chronischer Migräne zugelassen.

 

Akupunktur In einer Metaanalyse von 22 Studien mit über 4400 Patienten wurde die Wirksamkeit von Akupunktur zur Prophylaxe bei Migräne nachgewiesen. Bei 50 Prozent der Patienten wurde die Attackenhäufigkeit halbiert. Akupunktur muss allerdings privat bezahlt werden.

Biofeedback Beim Biofeedback lernt man, unwillkürliche Körperfunktionen wie die Gefäßspannung bewusst zu steuern. Dazu werden Geräte eingesetzt, die z. B. den Herzschlag sichtbar machen. „Man kann vielen Menschen damit sehr gut helfen“, sagt Prof. May. Man braucht im Allgemeinen mindestens zehn Sitzungen, um das Verfahren zu lernen. Die Kosten werden von den gesetzlichen Kassen bei vorheriger Anfrage manchmal übernommen.

Psychologische Verfahren Entspannungsmethoden wie die Progressive Muskelentspannung, aber auch ein Stressbewältigungstraining oder eine Verhaltenstherapie können zur Reduzierung von Migräneattacken beitragen.

Buchtipp Hartmut Göbel: „Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne“, Springer Medizin Verlag, 22,95 €