Kürzlich half ich als Elternteil in der fünften Klasse meines jüngeren Sohnes bei einer Projektwoche aus. Die Erdkundelehrerin nahm das Thema „Darstellung von Höhenlinien“ durch. Die Kinder zeichneten die Linien, und dann bauten sie aus Styroporplatten ein stilisiertes Modell eines Berges, bei dem die von unten nach oben immer kleiner werdenden Platten die verschiedenen Höhenniveaus darstellten. Anschließend wurden die Platten mit unterschiedlichen Farben wie im Erdkundebuch angemalt.
Kinder, die so etwas einmal gemacht haben, vergessen nicht, was Höhenlinien sind. Denn sie haben nicht einfach das Konzept „Höhendarstellung auf geografischen Karten“ gelernt. Sie haben dieses Konzept quasi geschnitten, geklebt, gemalt und angefasst. So etwas behält man.
Vor etwa 90 Jahren beobachtete der russische Psychologe Alexander Lurija über einen längeren Zeitraum einen Redakteur einer Moskauer Zeitung namens Schereschewski. Der war für sein stupendes Gedächtnis bekannt. Schereschewski konnte sich innerhalb von drei Minuten eine Tabelle von 50 Zahlen einprägen und diese Zahlen anschließend in ihrer Reihenfolge sowie rückwärts und diagonal in jeweils weniger als 40 Sekunden wiedergeben. Was auch immer dieser Mann sich einprägte, er behielt es über Jahre.
Die Besonderheit seines Gedächtnisses lag darin, dass er synästhetisch lernte. Das heißt, er mischte die verschiedenen Sinneseindrücke. Wenn er etwas sah, verknüpfte er es automatisch mit einem Ton oder einem Geruch, einem Bild oder einem Geschmack. Hörte er einen Ton von 500 Hertz und 100 Dezibel, sah er einen Blitz, der den Himmel in zwei Teile spaltet, ging die Lautstärke auf 74 Dezibel herunter, sah er ein sattes Orange und hatte das Gefühl, eine Nadel steche in seinen Rücken. Zahlentabellen prägte er sich über Bildsymbole ein.
Was einer wie Schereschewski damals tat, wird heute in der Lernpsychologie multimodales Lernen genannt: ein Lernen, das die verschiedenen Kanäle der sinnlichen Wahrnehmung nutzt. Denn im Gedächtnis werden sinnliche Informationen anders verarbeitet als Wortinformationen.
Reine Wortinformationen wie etwa in der Englischstunde „blackboard heißt Tafel“ sind vergleichsweise schwer zu behalten. Sieht aber ein Kind die Tafel vorne an der Wand des Klassenraums und soll sie abwischen, dann behält es „please wipe the blackboard“ sicher viel leichter. Denn das Wort „blackboard“ ist dann mit einem Bild und einer Handlung des Schülers verknüpft. Es wurde mit den Sinnen gelernt. Das stärkt das Gedächtnis.
Kolumnist Prof. Ulfried Geuter ist Psychologischer Psychotherapeut in Berlin

