Die hektische Alltagswelt lässt immer weniger Raum für Ruhe und Besinnung. Doch es gibt Wartezeiten, die man sinnvoll für eine Mudra nutzen kann. Das ist Yoga für die Hände, man könnte auch von Finger- oder Mini-Yoga sprechen. Nach der östlichen Heilkunde helfen die Fingerübungen dabei, sich zu sammeln. Das soll körperlichen Beschwerden und seelischen Belastungen vorbeugen und helfen, sie zu überwinden.
Schon kleine Gesten bewirken viel, behaupten Finger-Yoga-Spezialisten. Das lässt sich gut an der „Mudra der Liebe“ testen. Dabei wird die linke Handinnenfläche auf die Mitte der Brust des Partners gelegt, während er seine Hand ebenfalls auf das Herz seiner Partnerin legt. Der rechte, kleine Finger verhakt sich nun mit dem kleinen Finger der rechten Hand des Partners. Beide schließen die Augen und genießen einige Minuten lang den Energiefluss dieser Innigkeit.
„Schon das Halten eines einzigen Fingers Ihrer Hand mit Ihrer anderen Hand bewirkt eine Besserung des Befindens“, sagt die Yoga-Expertin Andrea Christiansen, die den einzelnen Fingern Emotionen zuordnet. Der Daumen reguliere die Sorgen, der Zeigefinger mindere die Angst, der Mittelfinger lasse Wut verrauchen, der Ringfinger tröste bei Trauer und der kleine Finger bremse den Eifer. Kinder formten ihre Hände oft intuitiv und ganz natürlich zu Mudras, sagt Christiansen.
Mudras kann man überall anwenden
Bestimmte Handstellungen und Fingerübungen gibt es in allen Kulturen der Welt. Besonders in Indien haben sie eine lange religiöse Tradition. Die Kunst des Yoga ist bereits 5000 Jahre alt. Auch im indischen Ayurveda – dem „Wissen vom Leben“ – wird die Bedeutung der Hände betont. Dort werden den Fingern Elemente zugeordnet. Der kleine Finger steht für Wasser, der Ringfinger für Erde, der Mittelfinger für Himmel, der Zeigefinger für Luft und der Daumen für Feuer. Im indischen Tempeltanz spielen Mudras eine große Rolle. Mudras gehören aber fast zu allen Religionen: Christen falten ihre Hände vor dem Oberkörper zum Gebet oder strecken beide Arme mit flachen, geöffneten Händen gen Himmel.
Mudras sollen die Übenden wie in der Meditation in eine nach innen gerichtete Stimmung versetzen, dabei könnten sie die „Vitalenergie“ des Körpers wahrnehmen, heißt es. „Mudras sind unkompliziert und können praktisch überall im Alltag durchgeführt werden. Man kann sie im Sitzen, Liegen, Stehen und Gehen praktizieren. Der Körper sollte jedoch entspannt, symmetrisch und nicht gebeugt sein“, empfiehlt Christiansen. Beim Sitzen sei es wichtig, dass die Beine und Füße parallel nebeneinander stünden und die Füße fest den Boden berührten. Im Stehen stellt man die Füße hüftbreit auseinander und gibt in den Knien leicht nach. Bevor mit der Mudra begonnen wird, solllte man Schultern und Arme locker hängen lassen. Bei den Übungen geht es darum, sich selbst wieder mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Wer seine Gedanken während der Mudra auf etwas Positives lenke und ruhig ein- und ausatme, erhöhe die Wirkung, so Christiansen. Eine Mudra sollte regelmäßig und maximal bis zu 45 Minuten durchgeführt werden – beispielsweise dreimal à 15 Minuten über den Tag verteilt.
Bundeskanzlerin konzentriert sich mit Hilfe einer „Intuitiv-Mudra“
Alltagsstress löst man am besten mit der Tiefenentspannungs-Mudra (siehe Übungen links). Davor sei es wichtig, dass man alle belastenden Dinge loslässt, betont Andrea Christiansen. Ihr Tipp: Man kann einen kleinen Ball nehmen und ihn in einem Bogen von einer Hand zur anderen werfen. Dabei murmelt man „werfen – fangen – werfen – fangen“. Dann lässt man mit dem Wort „Loslassen“ den Ball bewusst fallen. Erst danach formt man für 5-10 Minuten die Tiefenentspannungsmudra.
Wer Fotos von Bundeskanzlerin Angela Merkel vergleicht, entdeckt darauf eine typische Handhaltung, die Betrachter neugierig macht. Für Andrea Christiansen ist dies eine „Intuitiv-Mudra“, deren Bedeutung die Bundeskanzlerin vermutlich gar nicht kenne. „Es ist die Hakini-Mudra. Sie fördert Konzentration und Sammlung“, sagt Frau Christiansen. Angesichts des nervenaufreibenden Berufs von Frau Merkel sei ihr Wunsch nach Entspannung verständlich. Allein ihr Unterbewusstsein führe diese hilfreiche Geste aus. Auch Kinder umfassten oft unbewusst die eigenen Finger, um ihre Persönlichkeit zu stärken oder Ängste zu lindern.

