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Hoffnung, tiefgekühlt
Eine Medizinisch-Technische-Assistentin zeigt in der Uni Erlangen einen Behälter mit Nabelschnurblut Foto: pa/dpa

Hoffnung, tiefgekühlt

Von Susanne Wächter | 23. Jun 2010 | Kinder

Nabelschnurblut

Werdende Eltern möchten vor allem eines: dass ihr Baby gesund bleibt. Deshalb bieten spezielle Firmen für eine spätere mögliche Behandlung des Kindes die Einlagerung des Nabelschnurblutes an. Das Blut enthält Stammzellen, und die wiederum spielen schon heute eine große Rolle in der Therapie von lebensbedrohlichen Krankheiten wie Leukämie. Allerdings sind dafür nicht immer die eigenen Stammzellen nötig oder sinnvoll.

Normalerweise landet das Blut aus der Nabelschnur, wenn es nicht gespendet wird, im Krankenhausmüll. Dabei ist es durchaus wertvoll. Im letzten Drittel der Schwangerschaft wandert die Blutbildung von der Leber und Milz über den Blutkreislauf in das Knochenmark. Aus diesem Grund befinden sich sehr viele Stammzellen im Blut des ungeborenen Kindes und deshalb auch in der Nabelschnur. Die Stammzellen aus diesem Blut können sich noch zu verschiedenen Zelltypen entwickeln.

Eingelagert bei minus 196 Grad

Trotzdem scheiden sich an der Art der Einlagerung von Nabelschnurblut die Geister. Firmen wie Eticur, Vita 34, und viele andere, die in den vergangenen Jahren gegründet wurden, sehen darin „eine biologische Gesundheitsvorsorge“. Für bis zu 2500 Euro bieten sie die Einlagerung in flüssigem Stickstoff bei Temperaturen von minus 196 Grad Celsius an.

Eine wissenschaftliche Begründung und eine Indikation zur Anwendung dieser Dienstleistung gebe es bislang allerdings nicht, sagt Dr. Verena Reimann vom Institut für Transplantationsdiagnostik und Zelltherapeutika der José Carreras Stammzellbank am Uniklinikum in Düsseldorf. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind eines Tages auf sein eigenes Nabelschnurblut angewiesen sein wird, sei extrem gering. „Von weltweit geschätzten 2,5 Millionen autologen Spenden sind bislang etwa 100 transplantiert worden.“ Hierunter befinden sich auch Transplantate für Geschwisterkinder, das Verhältnis von angewendeten zu eingelagerten Präparaten beträgt ihren Angaben zufolge etwa eins zu 25.000. Autolog nennt man Transplantationen mit körpereigenen Materialien, in diesem Fall Transplantate mit eigenem Nabelschnurblut oder dem von verwandten Spendern. Dem gegenüber stehen 20.000 Transplantationen weltweit mit unverwandtem, allogenem, Nabelschnurblut.

Strittig ist auch, wie lange die Stammzellen im flüssigen Stickstoff überleben. Bestätigen kann Reimann einen Zeitraum von 20 Jahren, reine Spekulation dagegen seien Behauptungen, das Nabelschnurblut könne 100 Jahre aufbewahrt werden. „Wir können ja nur auf die zurückliegenden Jahre zurückblicken, in denen aufbewahrte Stammzellen aufgetaut wurden, um ihre Aktivität nachweisen zu können. Noch kann niemand auf 100 Jahre Einlagerung zurückblicken“, erklärt Reimann ihre Skepsis.

Nach 21 Jahren wird der Service billiger

Stammzellen könnten bei den eisigen Temperaturen viele Jahrzehnte überleben und dabei auch funktionstüchtig bleiben, meint dagegen eine Mitarbeiterin der Firma Eticur aus Martinsried. 5000 Einlagerungen zählt das Unternehmen aus Bayern, 2400 Euro kostet das für 21 Jahre. Danach kann im Zehn-Jahres-Rhythmus die Frist verlängert werden. Ab dann wird’s preiswerter. Die Kritik, die den privaten Nabelschnurblutbanken häufig entgegen gebracht wird, kann sie nicht verstehen. Niemand werde zur Einlagerung gezwungen, sagt sie und zieht einen Vergleich zur Haftpflichtversicherung. „Die schließt man ja auch ab, ohne zu wissen, ob man sie jemals einsetzen muss.“
 Auf der anderen Seite stehen die öffentlichen Blutbanken, die Nabelschnurblut als Spende entgegennehmen, es ebenfalls in flüssigem Stickstoff konservieren und geeigneten Empfängern zur Verfügung stellen. Eingesetzt wird es vor allem bei Kindern mit Erkrankungen wie Leukämien, Lymphomen, Anämien oder angeborenen Stoffwechselstörungen.

„Nabelschnurblut ist wichtig, und wir wünschen uns noch mehr Spenden für die Allgemeinheit“, sagt Prof. Gesine Kögler, Leiterin der José Carreras Stammzellbank, der ältesten und größten Einrichtung dieser Art. Auch Dr. Carlheinz Müller, Ärztlicher Leiter des Zentralen Knochenmarkspender-Registers für die Bundesrepublik Deutschland, plädiert für die Einlagerung bei einer der vier öffentlichen Nabelschnurblutbanken in Dresden, Düsseldorf, Mannheim und München.

Einige als öffentlich wirkende Banken arbeiten mit Privaten wie Vita 34 zusammen. Dazu gehört zum Beispiel das NKR in Hannover. Die Spende ist bundesweit möglich. In diesem Punkt stehen die privaten Anbieter den öffentlichen in Nichts nach. So hat Vita 34 in Leipzig mittlerweile 70.000 mal Nabelschnurblut von Kindern aus der ganzen Republik eingelagert, wie Unternehmenssprecher Frank Schott sagt.
 Um den Nutzen des eingelagerten Blutes zu belegen, werden Millionen in die Forschung investiert. Ein Projekt, an dem die Leipziger beteiligt sind, läuft seit 2009 an der Technischen Universität München. Hier werden 33 Kinder mit Diabetes Typ 1 mit eigenem Nabelschnurblut behandelt. Die Hoffnung der Forscher dabei ist, dass die Stammzellen die weitere Zerstörung der Insulin produzierenden Zellen aufhalten können.

Zellen sind noch auf keinen Gewebetyp festgelegt

Ein anderes Projekt an der Medizinischen Hochschule Hannover soll aus Nabelschnurblutstammzellen so genannte pluripotente Stammzellen hervorbringen. Das sind Zellen, die in der Lage sind, sich zu jedem Zelltyp eines Organismus zu differenzieren und noch auf keinen speziellen Gewebetyp festgelegt sind. Forschungspartner ist Prof. Dr. Ulrich Martin vom Leibniz Forschungslaboratorium für Biotechnologie und künstliche Organe (LEBAO) der Hochschule Hannover. Nabelschnurblutzellen, so erläutet Martin, seien die idealen Ausgangszellen für die Herstellung solcher pluripotenten Zellen. Auch seien die noch sehr jungen Stammzellen aus Nabelschnurblut nahezu frei von genetischen Veränderungen. Schon im vergangenen Jahr konnte Martin zeigen, dass Nabelschnurblut-Zellen zu solchen pluripotenten Zellen umprogrammiert werden können und sich dann zu funktionellen Herzmuskelzellen differenzieren lassen.

Expertin Kögler aus Düsseldorf sieht solche Forschung dennoch mit Skepsis. „Pluripotenz meint auch die Tumorentstehung“, sagt sie. „Alle diese so generierten jungen pluripotenten Zellen generieren gleichzeitig Teratome, was Tumore sind. Damit möchte kein Patient transplantiert werden.“

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Adressen und Infos

Spenden Eltern, die das Nabelschnurblut ihres Kindes einer allgemeinen Bank spenden möchten, können sich in ihrer Klinik erkundigen oder sich an eine öffentliche Nabelschnurblutbank wenden. Zentrales Knochenmarkspenderregister in Ulm: Tel.: 0731-150700, www.zkrd.de. Stammzellbank in Düsseldorf, Tel. 0211-8104343. www.stammzellbank.de. Deutsche Knochenmarkspenderdatei, Tel. 07071-9430, www.dkms.de. Mannheimer Nabelschnurblutbank: Tel. 0621-37069492, www.umm.uni-heidelberg.de/inst/iti/nsb.html. NKR Hannover: 0511-89888860, www.nkr-mhh.de

Einlagerung Firma Vita 34, Hotline 08000-34 0000 (kostenfrei), www.nabelschnurblut.de (auch Spenden möglich). Firma Eticur: Tel. 089-125981-0, www.eticur.de. Stellacure, Tel. 08 00-0006657 (kostenfrei), www.stellacure.de; der Anbieter kooperiert mit dem DRK Blutspendedienst Baden-Württemberg/Hessen

Technik Die Nabelvene am Ende der Nabelschnur wird nach der Geburt mit einem speziellen Blutbeutelsammelsystem punktiert, das Blut in dem Beutel aufgefangen. Der verschlossene Beutel wird direkt zur Nabelschnurblutbank transportiert und dort zentrifugiert, so dass man Zellkonzentrat erhält. Dieses wird in einer Konservierungslösung in Flüssigstickstoff eingefroren.