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Naturheilmittel - natürlich besser?
Viele Patienten vertrauen lieber auf Naturheilmittel als auf chemisch hergestellte Medikamente. Foto: Getty Images/Altrendo

Naturheilmittel - natürlich besser?

Von Katrin Machowski | 24. Jan 2012 | Medizin

Medikamente

Wogende Lavendelfelder, leuchtend weiß-gelbe Kamillenblüten, rote Cranberries. . . Blühend-bunte Aufsteller im Apotheken-Schaufenster bewerben Kapseln, Tropfen, Dragees oder Tabletten, deren Wirkstoffe auf pflanzlicher Basis bei Beschwerden aller Art schonend und sanft helfen sollen. Naturheilmittel statt Chemie ist hier die Devise, der viele Patienten gerne folgen; nicht zuletzt, weil sie die Nebenwirkungen chemisch hergestellter Medikamente fürchten. Dabei kann alles, was wirkt, auch Neben- und Wechselwirkungen haben.

„Wenn der behandelnde Arzt oder der beratende Apotheker nicht über alle eingenommenen Präparate informiert wird, kann er auch nicht richtig behandeln oder sinnvolle Empfehlungen abgeben“, warnt Pharmazeut Konstantin Lamboy, Auditor der Apothekerkammer Berlin. Er sieht einen eindeutigen Trend zu alternativen Heilmethoden. „Gibt es da auch etwas Pflanzliches?“ fragen Kunden in seinen beiden Apotheken häufig.

Tatsächlich hat die Kraft aus der Natur viele Einsatzgebiete: Sonnenhut (Echinacea) kann das Immunsystem unterstützen, Cranberries sollen gegen Blasenentzündung wirken, Rosmarin regt den Kreislauf an, und Salbei hilft gegen Halsweh. Aktive Wirksubstanzen aus Pflanzen, mal aus den Blättern gewonnen, mal aus der Wurzel, können – richtig dosiert – so einiges. Zahlreiche Sachbücher und Nachschlagewerke über Naturheilmittel, gedruckt oder online, verzeichnen die Wirkungsweise der Heilpflanzen von Akelei bis Zaubernuss. Da ist die Versuchung groß, auch mal ohne ärztliche Empfehlung zu Phytopharmaka, also pflanzlichen Arzneimitteln, zu greifen.

Pflanzliche Präparate sind oft Mischungen verschiedener Stoffe

Aber bedenkt auch jeder Patient, der Johanniskraut gegen eine leichte Depression nimmt, dass die Heilpflanze Enzymsysteme in Leber und Darm aktiviert, die viele Stoffe, darunter auch Arzneimittel und die „Pille“, verstärkt abbauen und somit weniger wirksam machen? Dass Ginkgo-Präparate, die bei Gedächtnisproblemen helfen sollen, die Fließeigenschaften des Blutes verändern, was bei Einnahme gerinnungshemmender Medikamente möglicherweise die Blutungsneigung erhöht? Dass ätherische Öle allergische Reaktionen auslösen können?

Schon, dass der Genuss von Milch oder Grapefruitsaft die Aufnahme und Wirkung von Arzneimitteln negativ beeinflussen kann, wissen viele nicht. Hinzu kommt: Anders als bei chemischen Arzneimitteln, die meist auf einem singulären Wirkstoff basieren, sind pflanzliche Präparate oft Mischungen verschiedener Substanzen, die entsprechend eine breiter gefächerte Wirkung haben. Auch wenn viele Naturheilmittel tatsächlich eine milde Alternative zu synthetisch hergestellten Medikamenten sind, ist es schon für den Fachmann eine Herausforderung, alle möglichen Neben- oder Wechselwirkungen zu bedenken.

Naturheilmittel werden in der Apotheke nachgefragt

„Information ist wichtig“, betont Prof. Ralf Jarosch, Allgemeinmediziner und Arzt für Naturheilverfahren: „Ob man mit häufigerem Aufstoßen leben kann, wenn man die Wirkung von Lavendelöl schätzt, ist eine Art der Risikoabwägung, die wenig gravierende Folgen hat“, erläutert der Lehrbeauftragte der Evangelischen Hochschule Berlin. „Wenn sich Raucher aber durch die Einnahme von Vitaminpräparaten etwas Gutes tun wollen, müssen Sie wissen, dass Vitamin A (Beta-Carotin) das Lungenkrebs-Risiko bei ihnen erhöht und Männer, die Vitamin E schlucken, ein erhöhtes Risiko für ein Prostatakarzinom entwickeln.“

Das steigende Interesse der Öffentlichkeit an Naturheilmitteln dokumentiert der Bundesverband der Arzneimittelhersteller auf seiner Webseite: „Phytopharmaka erfreuen sich als wirksame und relativ nebenwirkungsarme Arzneimittel wachsender Beliebtheit bei der Bevölkerung“, heißt es da. „Für rezeptfreie Arzneimittel sind in deutschen Apotheken im Jahr 2010 insgesamt 5,1 Milliarden Euro ausgegeben worden. Phytopharmaka hatten davon einen Anteil von rund 22 Prozent und etwa 1,1 Milliarden Euro.“

Einnahme von Naturheilmitteln wird beim Arzt häufig verschwiegen

Nicht eingerechnet sind hier die nicht-apothekenpflichtigen Phytopharmaka, die z. B. in Drogerien, Reformhäusern oder Supermärkten vertrieben werden. So sehr die Menschen auf die heilende oder vorbeugende Wirkung von pflanzlichen Arzneimitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) vertrauen – so häufig wird deren Einnahme beim Arztbesuch vergessen oder verschwiegen. Während pflanzliche Arzneimittel dem Arzneimittelgesetz und somit strengen Richtlinien für die Zulassung unterliegen, sind NEM vor dem Gesetz Lebensmittel. Vor allem ihre Einnahme fällt bei der Anamnese häufig unter den Tisch.

Aber existiert sie eigentlich wirklich, die Kluft zwischen Schulmedizin und Pharmaindustrie auf der einen und der „alternativen“ Naturheilkunde auf der anderen Seite? Es scheint fast so. Im Deutschen Ärzteblatt, Standesorgan der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, hat unlängst Autorin Heike Ulatowski den Grabenkampf „Schulmedizin versus Naturheilverfahren“ aufs Korn genommen. Sie kritisiert unter anderem den Glauben, Naturheilverfahren hätten keine Nebenwirkungen, während die vermeintliche Gefährlichkeit medikamentöser Nebenwirkungen dazu führten, dass Kassenrezepte und Überweisungen zu Fachärzten im Altpapier landen. Sie plädiert für eine Versachlichung der Diskussion aus Ärztesicht, „eine Entmystifizierung von Homöopathie und Naturheilkunde auf der einen und eine Entglorifizierung der Schulmedizin auf der anderen Seite“.

Eigenverantwortung der Patienten gefordert

Als Lösung des Dilemmas wird meist Ganzheitlichkeit in der Betrachtung des Patienten gefordert. Apotheker Lamboy sagt: „Wechsel- und Nebenwirkungen haben ja nicht nur Medikamente. Alles, was der Mensch isst, wie er lebt, ob er Sport treibt oder raucht, beeinflusst schließlich Gesundheit und Befinden.“ Die vom Gesundheitssytem diktierte „Minutenmedizin“ kann Ganzheitlichkeit aber oft nicht leisten – und soll das im Falle von Fachärzten und Spezialisten auch gar nicht immer, hält Heike Ulatowski dagegen. Einigkeit herrscht in der Forderung nach mehr Eigenverantwortung der Patienten. Denn weder die Schulmedizin noch die Naturheilkunde will oder kann alleiniger Heilsbringer sein.

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Beliebte Naturheilmittel

Johanniskraut kann bei Depressionen helfen. Es kann aber auch die Wirkung verschreibungspflichtiger Medikamente abschwächen. Nebenwirkungen sind u.a. Kopfschmerzen oder Lichtempfindlichkeit der Haut.

Echinacea  (Sonnenhut) unterstützt das Immunsystem. Neben möglichen Nebenwirkungen wie Ausschlag oder Schwindel heißt es auch, dass sich bei längerer Einnahme die Wirkung umkehren kann, die körpereigene Abwehr geschwächt wird.

Schafgarbe senkt den Blutdruck und unterstützt die Verdauung. Sie kann außerdem Hautausschläge verursachen und enthält geringe Mengen Thujon, ein Nervengift. Man sollte sie deshalb nicht in starker Dosierung über längere Zeit einnehmen.

Kamille ist wegen ihrer entzündungshemmenden und krampflindernden Wirkung beliebt. Aber sie wirkt z. B. auch austrocknend auf die Haut und stark augenreizend.

Pfefferminze wird häufig gegen Magenbeschwerden eingesetzt. Pfefferminzöl kann aber selbst stark magenreizend wirken und unangenehmes Aufstoßen und Sodbrennen auslösen.