Prof. Dr. Ralf Jarosch ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Arzt für Naturheilverfahren, Palliativmedizin und Ärztliches Qualitätsmanagement. Lehrstuhl für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Evangelischen Hochschule Berlin
Gesund: Professor Jarosch, Sie sind Allgemeinmediziner und Arzt für Naturheilverfahren. Würden Sie mir gegen festsitzenden Husten eher einen Thymiansaft oder einen mit Acetylcystein verschreiben?
Jarosch: Glücklicherweise kann man bei vielen Krankheiten wählen, mit welchem Verfahren man sie behandeln möchte. Ausgangspunkt muss immer zunächst die richtige Diagnose sein. Dann kann ich im Dialog mit dem Patienten herausfinden, was für diesen das richtige ist. Die Schulmedizin sollte Standard sein, die Naturheilkunde mit pflanzlichen Präparaten die wirksame Ergänzung, oft auch eine gute Alternative.
Gesund: Wenn ich erfolglos versucht habe, mich mit pflanzlichen Mitteln aus der Apotheke oder dem Drogerie-Markt selbst zu heilen, sollte ich das meinem Hausarzt „gestehen“?
Jarosch: Das müssen Sie! Der Arzt muss ja auf eventuelle Wechsel- und Nebenwirkungen achten können, wenn er Ihnen weitere Präparate verschreibt. Außerdem respektiert ein verantwortungsvoller Arzt Versuche der Eigenheilung. Ich denke, die strikte Trennung von Schulmedizin und Naturheilkunde ist längst überholt. Die Pharmaforschung selbst bestätigt die Heilkraft einzelner Pflanzenstoffe, isoliert sie und baut sie chemisch nach. Beispielsweise Salicylsäure, der schmerzstillende Wirkstoff aus der Weidenrinde oder THC aus der Hanfpflanze, etabliert in der Krebstherapie...
Gesund: Sie plädieren für eine Kennzeichnung möglicher Nebenwirkungen auch bei Produkten, die „nur“ als Nahrungsergänzungsmittel deklariert sind. Warum?
Jarosch: Viele Menschen greifen zu pflanzlichen Alternativen, weil sie die Nebenwirkungen von chemischen Arzneimitteln fürchten. Ein echter Vergleich ist aber gar nicht möglich. Bei Medikamenten, die lange auf dem Markt sind, ist die Nebenwirkungsliste oft schier endlos, weil alles genau verzeichnet werden muss. Nahrungsergänzungsmittel sind rechtlich Lebensmittel, das heißt, wie viele Fälle von Allergien, Kopfschmerzen oder Übelkeit es gab, ist nirgendwo dokumentiert. Schlimmer noch: Oft sind die Inhaltsstoffe und Dosierungen auch nicht korrekt angegeben, so dass bei einer Reaktion gar nicht klar ist, welcher Wirkstoff sie ausgelöst hat.
Gesund: Eine solche Liste würde also eine wirklich fundierte Entscheidung erst möglich machen?
Jarosch: Wenn dokumentierte Wirkung und Nebenwirkung die Grundlage sein sollen, ja. Bis dahin gilt: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker! Seien Sie sich zumindest bewusst, dass, was wirkt, auch unter Umständen unerwünschte Wirkungen hat.

