Sie spielen, toben, lachen und reden wie alle Kinder in ihrem Alter. Stören Fremde die Situation verstummen sie. Der Blick geht zu Boden und die Worte bleiben sprichwörtlich im Hals stecken. Benehmen sich Kinder so oder ähnlich, hat das möglicherweise nichts mit Bockigkeit zu tun, sondern kann eine Störung sein, die behandelt werden muss. Fachleute sprechen vom selektiven Mutismus. Laut Schätzungen sind in Deutschland drei von 1000 Kindern davon betroffen.
Früh erkannt, ist es wie mit vielen anderen Störungsbildern und Krankheiten auch, es lässt sich gut behandeln. Allerdings ist es mit der Früherkennung offenbar nicht so einfach. Sind die betroffenen Kinder zum Beispiel noch nicht im Kindergarten, ist es schwierig herauszufinden, was hinter der häufig als extreme Schüchternheit bezeichneten Verhaltensweise steckt. Auch die Experten können bislang keine eindeutigen Mutismus-Auslöser nennen, diskutiert werden verschiedene psychologische und Psychophysiologische Erklärungsmodelle.
Eltern von Mutismus-Kindern rennen von Arzt zu Arzt
Nicole Seelig, Mutter der Zwillinge Anna und Lisa, die unter dem sogenannten Mutismus, was von dem lateinischen Begriff mutus = stumm abgeleitet wurde, litten, kann sich noch genau an die Reaktionen ihrer Umgebung erinnern. „Die sind nur extrem schüchtern, das gibt sich mit der Zeit“, waren die Worte, die sie auch vom Kinderarzt erstmals hörte. Doch nichts wuchs sich aus. Sie rannten von Arzt zu Arzt ohne zu wissen, was hinter dem plötzlichen Verstummen lag.
Mutistische Kinder können reden und tun es in ihrem vertrauten Umfeld wie alle anderen auch. Dies macht es so schwierig, die Störung zu erkennen. Erst als Anna und Lisa in die Grundschule kamen und sie weder mit den Lehrern noch mit den Mitschülern sprachen, wurde die Situation drängend. Durch Eigenrecherche im Internet fanden die Eltern die Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. Was sie dort lasen, kam ihnen irgendwie bekannt vor.
Hinter der deutschlandweiten Selbsthilfevereinigung steckt der Kölner Sprachtherapeut Dr. Boris Hartmann. Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich mit dem Störungsbild Mutismus und behandelt in seiner Praxis bis zu 90 Prozent Mutisten. Auch Jugendliche und junge Erwachsene sind darunter. Er hat Fragen formuliert, an denen sich Eltern schweigender Kinder orientieren können:
• Kann sich das Kind im Alltag altersgemäß ausdrücken und sprechen?
• Ist das Sprachverständnis altersgerecht?
• Lässt sich ein Unterschied im kommunikativen Verhalten feststellen: hier der Schweigende, dort der Redselige?
• Gibt es Situationen, bei denen sich ein Schweigen des Kindes voraussagen lässt?
Wenn alle Fragen eindeutig mit Ja beantwortet werden können, sollte ein Sprachtherapeut aufgesucht werden, der sich mit diesem Störungsbild auskennt, rät der Fachmann Hartmann.
Mit gezielter Therapie das Schweigen brechen
Heute sind Anna und Lisa Teenager. In der Therapie sind sie schon lange nicht mehr. Sie sprechen – auch mit Fremden. „Entertainer werden mutistische Kinder zwar nie, aber ihr Schweigen können wir mit einer gezielten Therapie brechen“, erklärt Hartmann. Mittlerweile hat sich ein Netzwerk unter den Sprachtherapeuten gebildet. In vielen Städten Deutschlands gibt es Experten, die Mutismus behandeln.
Sprachtherapeut Hartmann, der auch eine Telefonsprechstunde anbietet, setzt auf Öffentlichkeit. Je mehr Fachleute vom Störungsbild erfahren, desto besser können sie Patienten erkennen und heilen. Denn die erste Anlaufstelle für Eltern ist der Kinderarzt. „Dann beginnt häufig eine Odyssee des Leidens“, sagt der Sprachtherapeut. „Mancher Kinderarzt weiß noch nichts mit Mutismus anzufangen. Er hält das Nichtsprechen für eine extreme Trotzreaktion, einen Entwicklungsschub, der sich wieder auswächst“, sagt Hartmann. Nach Monaten folgt dann oft der Gang zum Psychologen, der des Rätsels Lösung häufig auch nicht kennt.
Die Kinder werden immer stiller. Sie entwickeln Mechanismen, mit dem Nichtsprechen außerhalb der Familie klarzukommen. So erinnert sich eine Mutter, dass sie an der Fleischtheke immer für ihr Kind sprach, weil es nicht einmal in der Lage war, „Danke“ für ein Stückchen Wurst zu sagen.

