Prof. Peter Sawicki leitet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Es überprüft unabhängig im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums und des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) die Vor- und Nachteile medizinischer Leistungen.
GESUND: Kann man herausfinden, ob ein Mann einen gefährlichen Prostatakrebs hat oder einen harmlosen?
Prof. Peter Sawicki: Bisher kenne ich keine zuverlässige Diagnostik, die das zustande brächte. Ein sicheres Suchverfahren, das Menschen mit einem gefährlichen Krebs unterscheiden kann von solchen, die eine harmlose Veränderung oder gar nichts haben, ist natürlich das Ziel der Forschung. Aber bislang ein Wunschtraum.
GESUND: Dann müssten viele Männer nicht operiert werden?
Sawicki: Bei jedem zweiten Mann, den man nach einem PSA-Screening als Krebspatient diagnostiziert, wird die Prostata überflüssigerweise entfernt. Denn dabei entdeckt man auch Tumore, die nie Probleme gemacht hätten.
GESUND: Wenn die Diagnose so unsicher ist, sollte man dann auf eine Operation verzichten?
Sawicki: Das hält man ja nicht aus. Wenn ein Patient weiß, dass er krebsverdächtige Zellen in der Prostata hat, ist es sehr schwierig zu sagen: Ich mache nichts. Deshalb muss ein Patient umfassend informiert werden, bevor er in einen Fluss gerät, aus dem er nicht mehr herauskommt. Er muss vor einem PSA-Test wissen: Wie viele Todesfälle kann man damit wirklich verhindern, wie viele Inkontinenzen, Impotenzen werden verursacht, wie viele Patienten bekommen durch das Wissen oder Therapie-Folgen eine Depression, also: wie vielen geht es besser, wie vielen schlechter? Aber wenn man so informiert, würden sich wohl nur wenige testen lassen.
GESUND: Neben der OP gibt es andere Therapien mit geringeren Risiken für Impotenz und Inkontinenz. Sind diese Methoden ungeeignet?
Sawicki: Um das zu beantworten, wissen wir zu wenig. Wir haben in diesem Bereich eine Nichtwissenskatastrophe. Die Behandlung eines lokal begrenzten Prostatakrebses richtet sich bislang vor allem danach, zu welchem Arzt man geht. Wenn Sie zum Strahlentherapeuten gehen, wird bestrahlt, wenn Sie privat versichert zum Urologen gehen, bekommen Sie Seeds, wenn Sie in die Urologie einer Klinik geschickt werden, wird die Prostata meistens entfernt. Es gibt aber keinen systematischen Vergleich der verschiedenen Behandlungsmethoden. Bislang rät der Arzt zu einer bestimmten Behandlung, weil er selbst damit gute Erfahrungen gemacht hat. Was auch immer das heißt.
GESUND: Warum gibt es keine Vergleiche?
Sawicki: Mein Eindruck ist: Die Menschen mit Einfluss im Gesundheitswesen scheinen am Wissen nicht wirklich interessiert zu sein. Denn wenn man etwas weiß, hat man politisch keinen Spielraum mehr, um etwas zu beeinflussen. Wenn man beispielsweise wüsste, dass die Seeds-Therapie besser ist als die Entfernung der Prostata, würde es das Aus für viele urologische Abteilungen in Krankenhäusern bedeuten. Oder umgekehrt. Zu den schlimmsten finanziellen Einbrüchen käme es, wenn man herausbekäme, dass vielleicht das Abwarten mit regelmäßigen Kontrollen die beste Variante wäre. An solchen Erkenntnissen sind weder Politiker, noch Ärzte, noch Krankenkassen wirklich interessiert. Und die Patienten sind nicht stark genug, um das durchzusetzen.
GESUND: Keine Hoffnung?
Sawicki: Wir haben dem Gemeinsamen Bundesausschuss eine solche Studie vorgeschlagen, und man wird nun sehen, ob es dafür Geldgeber gibt. Diese Studien sind weder schwierig, noch besonders teuer verglichen mit dem, was wir jetzt für sinnlose Therapien ausgeben.

