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Streitfall Prostata
Das größte Prostata-Modell der Welt weckt das Interesse auf einem Gesundheitsforum Foto: pa/ZB

Streitfall Prostata

Von Christian Seel | 08. Jul 2010 | Medizin

Krebs

Kaum eine Diagnose ist so umstritten wie die des Prostatakrebses. Weil die Erkrankung im fortgeschrittenen Lebensalter bei fast jedem Mann vorkommt und viele bei einer Operation Potenz und Kontinenz verlieren, stehen Betroffene ratlos vor der Frage, für welche Therapie sie sich entscheiden sollen. Denn auch Ärzte sind sich nicht einig. Qualitätsforscher wie Prof. Peter Sawicki meinen, dass viele OPs überflüssig sind (siehe Interview).

„Wir können leider an der Gewebeprobe nicht sicher sagen: Ist das ein hochbösartiger Krebs bei Herrn Müller und ein harmloser bei Herrn Meier, oder nicht“, beschreibt Prof. Otmar Wiestler, Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, das Diagnose-Dilemma. „Die Prostata ist ein Organ, wo man durch eine Operation erheblichen Schaden anrichten kann. Und wenn man unnötig operiert und dieser Schaden eintritt, hat man natürlich eine fürchterliche Situation kreiert.“

Auch der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Pathologen, Prof. Werner Schlake, beklagt die unübersichtliche Datenlage: „Bei Obduktionen finden wir bei alten Verstorbenen nicht selten einen Prostatakrebs, von dem die ganzen Jahre vorher keiner gewusst hat und der auch nicht die Todesursache war. Wir schließen daraus, dass sich ein großer Teil von Prostatakarzinomen völlig unauffällig verhält. Hier besteht tatsächlich eine große Gefahr der Überdiagnostik.“

Untersuchungen zeigen, dass sich Krebszellen nicht nur bei der Mehrheit der Senioren, sondern bereits bei 20 bis 40 Prozent aller 50-Jährigen finden lassen. Strittig bleibt, ob man diesen Männern mit einer Krebsdiagnose hilft. Denn nur drei Prozent werden im Laufe ihres restlichen Lebens tatsächlich am Prostatakarzinom sterben.

Mehr Krebsdiagnosen durch Früherkennung

Durch Früherkennungsuntersuchungen, bei denen das prostataspezifische Antigen (PSA) im Blut gemessen wird, steigt seit Beginn der 80er-Jahre die Zahl der Krebsdiagnosen. Seither hat sie sich mehr als verdoppelt, während die Sterberate nur um 16 Prozent sank. Der PSA-Test, so errechnet eine europäische Studie mit 162000 Männern, führe pro verhindertem Todesfall zu 48 zusätzlichen Krebsdiagnosen und Behandlungen. „Das macht 47 Männer, die mit höchster Wahrscheinlichkeit kein Sexualleben mehr haben und sich nicht mehr weit von der nächsten Toilette entfernen können“, kritisiert Prof. Richard Ablin. Der US-Immunologe hatte den PSA-Test vor 40 Jahren erfunden. Heute hält er ihn für „kaum effektiver als einen Münzwurf“.

Das sehen die meisten Urologen anders. Sie kritisieren, dass die Studien keine Langzeitbeobachtungen über mehr als zehn Jahre ausgewertet hätten. Die PSA-Bestimmung sei ein „fantastischer Früherkennungsmarker“, sagt Prof. Hartwig Huland, Chefarzt der Hamburger Martini-Klinik. Damit lasse sich ein Prostatakrebs sechs bis zwölf Jahre eher erkennen als bei der herkömmlichen Tastuntersuchung. Huland leitet das weltgrößte Prostatazentrum mit 1800 Operationen jährlich und ist davon überzeugt, dass es keinen harmlosen Prostatakrebs gibt, sondern jeder früher oder später gefährlich werde. Manche würden allerdings so lange brauchen, dass man das nicht mehr erlebe. Werde der Krebs frühzeitig erkannt, stiegen nicht nur die Heilungschancen, man könne bei der Operation meist auch die Erektionsnerven erhalten.

Dazu darf der Krebs noch nicht durch die äußere Prostata-Membran ins Nervengewebe gewachsen sein. Nach Hulands Angaben konnte bei 84 bis 92 Prozent aller nervenschonend operierten Männer die Potenz erhalten werden. Ist Nervenschonung nicht möglich, werden 80 Prozent der Männer durch die OP impotent, schätzt die Deutschen Krebshilfe. Das Ausmaß der Operationsfolgen ist jedoch auch in hohem Maße von der Qualität des Krankenhauses abhängig, wie eine Befragung von Berliner Prostata-Patienten nahe legt. Unter den Operierten in zwei Kliniken trug mehr ein Jahr nach dem Eingriff nur noch jeder fünfte Windeleinlagen, in anderen Häusern dagegen waren es 70 Prozent.

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Therapien und Adressen

Infos  Eine Sammlung mit Hinweisen auf Originalquellen, Studien und Klinikvergleich finden Sie auf einer Extra-Seite

Operation Bei der Prostatektomie wird die Drüse, häufig auch umliegende Lymphknoten, vollständig entfernt. Häufige Folgen:Impotenz und Inkontinenz.

Bestrahlung Krebszellen werden mit Radioaktivität zerstört, entweder von außen in mehreren Sitzungen, bei der Brachytherapie von innen, häufig mit sogenannten „Seeds“, radioaktiven Körnchen, die in der Drüse bleiben. Risiken: Impotenz, Inkontinenz, Darmprobleme.

Hifu Das Prostatagewebe wird durch die Darmwand mit Ultraschall erhitzt und zerstört. In der Behandlungsrichtlinie nicht empfohlen, da die Studienlage nicht ausreiche.

Abwarten Regelmäßige Kontrolle bei bestimmten Tumorarten und Patientengruppen, keine Therapie. Risiko: eine Ausbreitung wird nicht rechtzeitig erkannt.

Hormonentzug Medikamente neutralisieren das Sexualhormon Testosteron. Nebenwirkungen: Antriebsschwäche, Osteoporose, Hitzewallungen, Libido-Verlust, Körperfettzunahme

Adressen Ausführliche Broschüren gibt es bei der Deutschen Krebshilfe, Buschstr. 32, 53113 Bonn. Tel. 02 28-729 90-96, www.krebshilfe.de. Hotline-Beratung beim Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe Tel. 0800–7080123, www.prostatakrebs-bps.de