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Der richtige Name
Beim Namen fürs Baby geben sich Eltern oft große Mühe. Trotzdem sind viele Menschen später damit unzufrieden Foto: Imago

Der richtige Name

Von Christian Seel | 23. Jun 2010 | Psychologie

Selbstbild

Jeder zehnte Deutsche kann seinen Vornamen nicht leiden, besagt eine aktuelle Studie der TU-Braunschweig. Versagen Eltern also regelmäßig bei der Namenswahl? Psychologen und Namensforscher versuchen herauszufinden, welche Rolle der Vorname für das Selbstbild spielt, und warum so viele mit dem eigenen Namen fremdeln. 

„Die meisten Menschen werden mit ihrem Namen unzufrieden, wenn sie in die Pubertät kommen“, sagt Gabriele Rodriguez von der Vornamenberatung der Universität Leipzig. „Dann stellt man alles in Frage und auch den Namen, egal wie normal er ist. Man möchte jemand anderes sein und auch anders heißen. Bei den meisten gibt sich das mit der Zeit. Bei anderen kommen die Probleme erst später.“

In den letzten Jahren steigt die Zahl der Betroffenen, die sich in der Leipziger Beratung nach den Möglichkeiten einer Namensänderung erkundigen. Oft kämen Eltern mit ihren Kindern, wenn sie mit 16 Jahren einen Personalausweis brauchen, sagt Rodriguez. Der Termin erscheint als letzte Gelegenheit zu Neubestimmung. Neulich war ein Mädchen mit seiner Mutter dort, das „Morgenstern“ genannt werden wollte. Die Beratungsstelle versucht in solchen Fällen, den Vornamen herzuleiten oder anderswo nachzuweisen, und erstellt Gutachten. Im Fall Morgenstern konnte die Mutter tatsächlich eine sogenannte öffentlich-rechtliche Namensänderung durchsetzen. Ein Ausnahmefall im strengen Namensrecht.

Die Wahrscheinlichkeit, mit einem Änderungswunsch bei den Behörden durchzudringen, liege zwischen 20 und 30 Prozent, bei Nachnamen sogar nur bei fünf Prozent, schätzt Expertin Rodriguez. „Erfolgsaussichten hängen von der Begründung ab. Wer nur sagt, dass ihm der Name nicht gefällt, hat keine Chance.“ (siehe Info-Kasten). Offenbar nützt mitunter auch Hartnäckigkeit. Einem Betroffenen war die Umbenennung so wichtig, dass er so lange von Standesamt zu Standesamt zog, bis er einen Beamten gefunden hatte, der dieser besonderen Änderung tatsächlich zustimmte. Seither heißt er – mit Vor- und Nachnamen – wie ein sagenhafter Ritter aus König Artus’ Tafelrunde: Lancelot von der Quelle.

Spitznamen sind häufig der Ausweg

Die Mehrzahl der Betroffenen geht einen anderen Weg. „Viele, die ihren richtigen Namen ablehnen, regeln das über Spitznamen, stellen sich damit auch anderen vor und unterschreiben so“, sagt Psychologin Dr. Meike Watzlawik. Die Persönlichkeitsforscherin untersucht derzeit mit einem Team in vier Erdteilen, wie stark sich Menschen dort jeweils mit dem ihrem Namen identifizieren. Erste Ergebnisse aus Deutschland besagen, dass zehn Prozent mit ihrem Namen hadern. 43 Prozent ziehen ihren Spitznamen dem richtigen Vornamen vor.

Identitätsforscher wie die Berliner FU-Psychologin Prof. Bettina Hannover sehen die Ursache solcher Abneigungen weniger im Namen selbst als im Konflikt mit den Namensgebern, den Eltern (siehe Interview). Als besonders bedrohlich erscheint der eigene Name oft Missbrauchsopfern. Ihn zu ändern kann die Seele befreien und ein Zeichen für einen Neuanfang setzen, sagen Therapeuten.

Anderen klingen aus ferner Vergangenheit noch die Verballhornungen im Ohr. „Truthuhn, Truthuhn“ meine sie stets zu hören, wenn jemand ihren Name ausspreche, berichtet eine Betroffene. Vor einem Jahr hat die 66-Jährige den Familienmitgliedern und Freunden eine Rundmail geschickt: „Soll ich mich noch darüber ärgern, wenn ich unter der Erde liege und auf meinem Grabstein Gudrun steht?“ Seither heißt sie Georgina und empfindet den Schritt als große Erleichterung, auch wenn nicht alle in der Familie dafür Verständnis haben.

„Der Name bestimmt Erfolg und Misserfolg im Leben“

Der Name sei „der wichtigste Anker der eigenen Identität“, stellte der US-Psychologe Prof. Gordon Allport in den 30er-Jahren fest. Sein Kollege William E. Walton hielt ihn sogar für einen „bestimmenden Faktor bei der Persönlichkeitsentwicklung, der Suche nach Freunden und vielleicht sogar bei Erfolg und Misserfolg im Leben“. Heute heißt es: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose.“ So lautete jedenfalls die umstrittene Aussage in einer aktuellen Lehrer-Umfrage. Darin wurden Namen einer fiktiven Klassenliste mit den Vorurteilen des pädagogischen Personals konfrontiert. Sie bestätigt wie andere Studien dieser Art, dass man aus dem Namen auch die Schichtzugehörigkeit ableitet. Zum Glück für alle Kevins sind Menschen nicht unbelehrbar. Namensforscherin Watzlawik weist darauf hin, dass ein Name zwar bestimmte Assoziationen wecke, diese Meinung könne sich aber ändern, wenn man die Person näher kennenlerne. Ihr Auftreten wirke auf den Namen zurück und präge die Assoziationen, die andere dazu haben. 

Für Akademiker sehe die Namenswelt tatsächlich anders aus als für bildungsfernere Schichten, die zu Namen aus den Medien oder dem amerikanischen Sprachraum neigen, sagt Beraterin Rodriguez. Akademiker wählten traditionelle, neuerdings altdeutsche Namen. „Diese Eltern machen sich mehr Gedanken darüber, ob der Vorname zum Familiennamen passt, ob das Kind darunter leiden könnte, ob man den Namen verkürzen oder verballhornen kann. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass Kinder aus solchen Familien weniger Probleme mit ihren Namen haben.“

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Der Weg zum neuen Vornamen

Rechtslage Die Möglichkeit, jemanden durch seinen Namen identifizieren zu können, ist im deutschen Recht ein höherwertiges Gut als die Namensfreiheit. Nach der Eintragung ins Geburtenbuch sind Änderungen daher nur aus „wichtigem Grund“ zulässig, den man beim Antrag zu belegen hat. So kann ein Psychologe im Verlauf einer Behandlung zum Ergebnis kommen, dass ein neuer Name wesentlich für eine Therapie ist und dies durch Gutachten begründen. Wird die Namensänderung abgelehnt, kann man dagegen klagen. Bei Minderjährigen gilt in der Regel nur die Bedrohung des Kindeswohls als Grund.

Ausnahmen Wer seinen Namen nach ausländischem Recht bekommen hat, kann ihn eindeutschen oder sogar neu wählen, wenn es keine deutsche Entsprechung dafür gibt. Als Grund gilt auch eine Geschlechtsumwandlung. Ungewöhnliche Schreibweisen oder Aussprachen, die zu Fehlern führen, können ebenfalls eine Änderung begründen.

Ruf- und Künstlernamen Einen festgelegten Rufnamen gibt es nicht mehr, jeder der Vornamen kann dazu benutzt werden. Künstlernamen (Pseudonyme) sind keine Namen im Rechtssinn, sie können frei gewählt und abgelegt werden.

Gebühren Zwischen 2,50 Euro und rund 1000 Euro verlangen Behörden für die Bearbeitung von Namensänderungen. Die Höhe richtet sich nach Verwaltungsaufwand und Einkommen und wird auch bei Ablehnung des Antrags fällig.

Beratung Vornamenberatung der Universität Leipzig, Augustusplatz 10-11, 04109 Leipzig. Tel. 09001-88 77 35 (1,86€/min.), www.vornamenberatung.eu. Gesellschaft für deutsche Sprache, Spiegelgasse 13, 65183 Wiesbaden, 09001-888 128 (1,86€/min), www.gfds.de. Vornamengutachten kosten in beiden Stellen 40€.

Infos Über die Häufigkeit von Vornamen in den letzten Jahrzehnten informiert das Internet-Portal www.beliebte-vornamen.de. Umfrage zu Vornamen und Selbstbild unter www.aboutyourname.net