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„Manche wollen die Erwartungen ihrer Eltern nicht einlösen“
Prof. Bettina Hannover ist Psychologieprofessorin und Identitätsforscherin an der Freien Universität Berlin

„Manche wollen die Erwartungen ihrer Eltern nicht einlösen“

Von Christian Seel | 23. Jun 2010 | Psychologie

Selbstbild

GESUND: Wann nimmt sich ein Mensch zum ersten Mal in seinem Namen wahr?
Prof. Bettina Hannover: Mit etwa 18 Monaten entwickeln Kinder ihre Identität. Sie können dann erkennen, dass sie selbst im Spiegel zu sehen sind und nicht ein anderes Kind. Sie lernen den Namen zu sprechen, den die Eltern gegeben haben, erst in der dritten Person, dann in der ersten Person.

GESUND: Lernen manche in dieser Phase auch, ihren Namen zu hassen?
Hannover: Wenn dann geschieht das erst später. Bei der Entwicklung des Selbst und der Identität sind wir zunächst stark von außen geprägt, und erst mit zunehmendem Alter steuern und prägen wir selbst, was von uns nach außen kommt. Auch wenn sie sich nicht unbedingt darüber bewusst sind, wählen Eltern doch einen Namen für ihr Kind, mit dem sich bestimmte Erwartungen und Hoffnungen verbinden. Wenn sich dann ein Mensch aufgrund der eigenen Entwicklung von den Erwartungen und Vorstellungen der Eltern entfernt, kann es so weit kommen, dass er sich auch vom eigenen Namen distanziert. Typischerweise ist das in der Jugendphase der Fall, seltener später. Und manchmal wird das Problem so drängend, dass Menschen ihren Namen tatsächlich verändern.

GESUND: Wie oft kommt das vor?
Hannover: Empirische Studien gibt es dazu nach meiner Kenntnis nicht. Wir wissen aber, dass die Mehrheit der Menschen im Gegenteil eine sehr zärtliche Beziehung zum eigenen Namen hat. Um den Selbstwert von Menschen zu messen, lassen Psychologen Testpersonen alle Buchstaben des Alphabets danach beurteilen, wie gern sie sie mögen. Dann nimmt man nur die Buchstaben aus dem Namen der jeweiligen Person, bildet aus diesen Bewertungen einen Mittelwert und zieht von diesem die mittleren Bewertungen ab, die Personen über dieselben Buchstaben abgegeben haben, die diese nicht in ihrem Namen haben. Ein positiver Selbstwert drückt sich darin aus, dass man die Buchstaben des eigenen Namens lieber mag als Personen, die sie nicht in ihrem Namen haben. Bei den meisten Menschen ist dieser Wert positiv, ein robuster Effekt in vielen Untersuchungen.

GESUND: Ist ein Namenswechsel der richtige Weg, mit sich ins Reine zu kommen?
Hannover: Natürlich nicht allein, aber er markiert eine Änderung. Strukturen im Umgang mit anderen Menschen, die der Person missfallen haben, werden möglicherweise erschüttert und verändern sich. Auf jeden Fall positionieren sich ja die Menschen in unserem Umfeld zu einem Namenswechsel. Man kennt den Vorgang beispielsweise aus Sekten, wo Leuten neue Namen gegeben werden, mit dem Ziel, sie aus ihren bisherigen sozialen Beziehungen herauszulösen und dadurch stärker an die Sekte zu binden, etwa damals in der Sannyasin-Bewegung in den siebziger Jahren.

GESUND: Auch ein neuer Papst wählt sich einen neuen Namen.
Hannover: Genau. Der Name wirkt auf unsere Identität, schneidet ab, was war, wir verwurzeln uns neu.

GESUND: Kann der Name eine Persönlichkeit prägen?
Hannover: Auf jeden Fall gibt es Einflüsse. Aber immer vermittelt über das soziale Feedback, das der Mensch aufgrund seines Namens erhält. Wenn ein Mädchen beispielsweise Aphrodite heißt, wird möglicherweise von seiner Umwelt die Erwartung an es herangetragen, dass es eine zarte Erscheinung mit klassisch gebildetem Elternhaus sei. Es ist aber auch denkbar, dass das Kind die Erfahrung macht, andere finden seinen Namen einfach nur lächerlich. Je nachdem, welche Reaktionen es für den eigenen Namen erfährt, würde es auch in eine entsprechende Entwicklung gedrängt werden. Positives soziales Feedback wirkt sich immer günstig auf die Persönlichkeitsentwicklung aus. Und umgekehrt.

GESUND: Und was sagen Namen über uns aus?
Hannover: Mitmenschen entnehmen daraus viele Informationen, vor allem über das Alter und die soziale Schichtzugehörigkeit der Person. Bekannt ist der Satz eines Lehrers, dass Kevin kein Name, sondern eine Diagnose sei. Viele Namen sind mit solchen sozialen Stereotypen assoziiert. Namen vermitteln auch eine Vorstellung über die Beziehung der Eltern zu ihrem Kind. In Familien, in denen Individualität hoch geschätzt wird, versuchen Eltern, ihrem Kind einen möglichst außergewöhnlichen Namen zu geben. Eine traditionelle Wertorientierung hingegen können Familien dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie ihrem Kind den Vornamen eines Vorfahren geben. Man sieht an diesen Beispielen zugleich, wie der Name eine Erwartung formuliert, die das Kind später vielleicht gar nicht einlösen kann.

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