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Späte Selbstfindung
Ältere Menschen haben oft nicht gelernt, an sich zu denken Foto: pa/beyond

Späte Selbstfindung

Von Angelika Friedl | 08. Jul 2010 | Psychologie

Senioren

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Diesem Sprichwort folgten bis in die achtziger Jahre hinein manche Ärzte und Therapeuten und hielten eine Psychotherapie für alte Menschen für wenig sinnvoll. Denn ab etwa siebzig sei man geistig nicht mehr in der Lage, sich auf den Therapieprozess einzulassen.

Zu dieser negativen Einschätzung hatte schon Psychoanalytiker Siegmund Freund beigetragen, der meinte, im Alter würde man immer rigider, Veränderungen seien nur noch schwer möglich. Unsinn, sagt heute Dieter Best, der Vorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV). „Eine Psychotherapie wirkt bei älteren Klienten und Klientinnen. Das erlebe ich meiner Praxis, und das bestätigen mir meine Kollegen immer wieder“, sagt der Psychologe aus Ludwigshafen. Mittlerweile wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen, dass der Mensch durchaus auch im höheren Alter lernfähig ist.

Auch die Berliner Diplompsychologin und Psychotherapeutin Doris Latta sammelte in ihrer Praxis positive Erfahrungen mit älteren Klientinnen. „Wichtig ist, dass die Frauen lernen, ihre eigene Lebensleistung zu würdigen. Dann kann sehr viel in Bewegung kommen. Aber sie müssen auch ermutigt werden, an sich selbst zu denken.“
Viele Ältere können sich dann auf Fähigkeiten stützen, die für eine Therapie sehr wertvoll sind: wie Lebenserfahrung, Reife, Gelassenheit und manchmal auch Weisheit. Einige Besonderheiten sollten jedoch beachtet werden. Im Allgemeinen haben alte Menschen andere Sorgen und Probleme als jüngere: Im Mittelpunkt stehen oft Krankheiten, Angst vor Alleinsein, sozialer Isolierung und Armut. Daher stellen sich Therapeut und Klient kleinere Ziele, die konkret definiert werden.

Männer zeigen keine Schwäche, Frauen stellen ihre Wünsche zurück

Der Therapeut fokussiert auf die wichtigsten Punkte und sollte das therapeutische Gespräch klar strukturieren. Immer zu berücksichtigen sind auch körperliche Gebrechen. Der Therapeut hält daher möglichst einen engen Kontakt zum Hausarzt, zu Pflegern, Internisten und Angehörigen.

Mit Klienten im höheren Alter, die nicht mehr zur Gruppe der rüstigen Senioren gehören, empfiehlt es sich, langsamer zu arbeiten. Notfalls helfen Gedächtnisstützen wie zum Beispiel Handzettel oder eigene Notizen der Klienten. „Alte Menschen brauchen in der Regel zwar etwas länger, um Zusammenhänge zu verstehen. Das liegt aber meist nicht am Alter, sondern an der Schwierigkeit, über sich und seine Gefühle zu sprechen“, sagt Psychologe Best. Über Gefühle wurde schließlich früher nicht gesprochen. Für die im Krieg Geborenen gelten noch die alten Vorstellungen – Männer zeigen möglichst keine Schwäche, und Frauen stellen ihre Wünsche und Bedürfnisse zurück. Eine Psychotherapie ist für viele immer noch ein Zeichen der Schwäche und bedeutet so viel wie nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Senioren zu einer Therapie zu bewegen ist daher nicht ganz einfach. Die meisten kommen nicht aus eigener Initiative, sondern werden vom Hausarzt oder von ihren Angehörigen geschickt.

Bei zahlreichen Rentnern wird eine psychische Störung festgestellt

So finden nur wenige Ältere den Weg in ein Behandlungszimmer. Nach einer Untersuchung der Gmünder Ersatzkasse gilt das bereits für 60-Jährige, Menschen mit 75 machen kaum noch eine Psychotherapie. Die wäre aber gerade für die Rentner wichtig. Denn bei etwa einem Viertel von ihnen wird eine psychische Störung diagnostiziert, oftmals ist es eine Depression, die aber mit einer Therapie und in schweren Fällen zusätzlich mit Antidepressiva gut zu behandeln ist.

„Es hat sich zwar in den letzten zehn Jahren viel verändert, aber es werden immer noch zu viele Psychopharmaka verschrieben“, bedauert Dieter Best. Hinter „normalen Alterungsprozessen“ versteckt sich in Wirklichkeit oft eine psychische Störung. Depressionen werden von Hausärzten teilweise nicht erkannt, auch weil die Patienten meist nur über körperliche Beschwerden klagen. Ist zum Beispiel der Lebenspartner verstorben, scheint ein Beruhigungsmittel erst einmal der einfachere Weg zu sein. So erhält fast jede vierte 80-jährige Frau ein Antidepressivum, in der Mehrzahl der Fälle ohne dass eine Depression diagnostiziert worden ist. „Psychische Erkrankungen bei alten Menschen müssen erkannt, aber auch behandelt werden“, fordert dagegen Best.

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Therapeuten

Kosten Die Gesetzliche Krankenversicherung zahlt die Psychotherapeutenhonorare bei den zugelassenen Psychotherapieverfahren. Das sind Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Psychoanalyse.

Kontakt Der Weg zu einer Psychotherapie kann lang sein. Die Wartezeit variiert je nach Ort. Nicht selten beträgt sie mehrere Monate.
Bei den gesetzlichen Krankenkassen zugelassene Ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten unter: www.kbv.de/arztsuche/178.html
Psychologische Psychotherapeuten auch ohne Kassenpraxis, deren Leistung von gesetzlich Versicherten dann selbst zu zahlen ist, sind zu finden unter: www.psychotherapeutenliste.de oder unter:
www.psychotherapiesuche.de