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Angst im Klassenraum
Herausforderung Schule: Lernen fällt nicht immer leichtFoto: pa/Keystone

Angst im Klassenraum

Von Christian Seel | 17. Mär 2010 | Kinder

Schwänzen

Fast jeder hat schon einmal geschwänzt. 60 Prozent aller Schüler machen mal blau, ergaben Umfragen. Zum Problem wird das Verhalten, wenn sich ein Hang zur Schulvermeidung entwickelt. Solche Jugendlichen sind kaum noch ins Bildungssystem zurückzuholen und verpassen den Start ins Leben. Ihr Risiko ist größer, in Kriminalität und Drogensucht zu entgleiten. Schätzungen zufolge sind in Deutschland fünf bis zehn Prozent aller Schüler betroffen.

 Man kann das Problem auf sehr verschiedene Weise angehen. Manche Bundesländer erheben verstärkt Bußgeld gegen Schwänzer-Eltern, aber auch den Nachwuchs. In der Bundespolitik wird über Kindergeldkürzungen als Strafe debattiert, während zugleich 84 Millionen Euro in das Förderprogramm „Die 2. Chance“ des Familienministeriums fließen. In Frankreich bekommen ganze Schulklassen Fußball-Tickets und Geld, wenn alle regelmäßig erscheinen; in England fördert man Schulen, die schwierige Kinder halten können. Und in Berlin-Neukölln kommen schwere Schwänzer-Fälle in ein Spezial-Internat.

Meist gibt es nicht nur eine Ursache

Ein anderes Modellprojekt startet derzeit in Nordrhein-Westfalen, wo die Kinderpsychiatrie der Universität Duisburg-Essen schon seit 2006 eine Ambulanz für Schulverweigerer betreibt. Fünf neue Fälle kommen wöchentlich hinzu, berichtet Projektleiter Dr. Martin Knollmann. Viele gehen auf Druck von Schule oder Jugendamt in seine Klinik. Die Suche nach Ursachen führt oft in ein kompliziertes Geflecht von psychischen Störungen, belastenden Lebensumständen und Schulproblemen. Eine normal intelligente Patientin hatte in kurzer Zeit drei nahe Familienangehörige verloren, darunter den alkoholkranken Vater und fühlte sich in der Schule gemobbt. Einen Jungen mit großen Trennungsängsten, der noch mit 14 Jahren im Bett der Mutter schlafe, habe er mehrfach stationär behandeln müssen, sagt Knollmann. Selbst nach erfolgreichen Therapien könne es Rückfälle geben – oft dann, wenn das Kind wegen Krankheit oder Ferien längere Zeit nicht zur Schule gegangen ist.

Übelkeit und Schmerzen vor Schulbeginn

Häufig stützen die Eltern der Schulvermeider lange Zeit das Verhalten, schreiben Entschuldigungen, gehen mit dem Kind wegen vielfältiger Symptome zum Arzt. Schwindel, Übelkeit, Schmerzen treten typischer Weise vor Schulbeginn am Morgen auf und nicht an Wochenenden. Es gibt Einzelfälle, wo Eltern immer wieder den Arzt wechseln, um neue Atteste zu bekommen. Ein erster Therapieschritt ist es deshalb, die Krankschreiberei zu beenden, die das Problem nur verstärkt.

Knollmann versucht derzeit ein System in die Therapie zu bringen, eine Art Gebrauchsanweisung, wie Ursachen zu ergründen und Hilfen einzuleiten sind – auch wenn man immer den individuellen Fall im Auge behalten müsse. In Essen soll im Rahmen des Förderprojektes „Med in.NRW“ die Vernetzung der Helfer verbessert werden. Klinik, Jugendpsychiater und Psychotherapeuten, Jugendamt, Hausärzte und Schulen stimmen ihre Aufgaben bei jedem Fall ab. Je früher mit einer Therapie begonnen werde, desto aussichtsreicher sei die Behandlung, sagt Knollmann. Einigen Kindern habe bereits eine Gruppentherapie helfen können. Er rät Eltern, sich rechtzeitig an einen Jugendpsychiater/Psychotherapeuten zu wenden oder an den schulpsychologischen Dienst.

Schließlich wird die Zahl der Schwänzer bei sinkenden Schülerzahlen auch zum gesellschaftlichen Störfall. Schon jetzt verlassen in Deutschland acht Prozent der Kinder die Schule ohne Abschluss.

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