Nach Stille sehnt sich der Mensch eigentlich fast immer. Zum Beispiel wenn er lauthals um Flugrouten streitet oder spielende Kinder anschreit. Wenn er all das urbane Alltagsgetöse wieder mal satt hat, singt er gern ein Loblied auf die ach so himmlische Stille. „Stille, Stille würde ich brauchen“, jammerte Franz Kafka 1922, „ohne Ohropax bei Tag und Nacht ginge es gar nicht.“ Nach dem vorläufigen Ergebnis einer aktuellen Studie des Schlafzentrums der Berliner Charité schlafen Menschen in akustisch abgeschirmten Räumen besser als im gewohnten, heimischen Bett.
Unheimliche Stille - Experimente im schalltoten Raum
Wir führen unser Leben bis zur Totenstille allerdings jenseits dieser ersehnten Geräuschlosigkeit, denn wirklich richtig still ist es nie und nirgendwo. Angenommen, die Evolution hätte das Gehör ein wenig empfindlicher justiert, dann hörten wir vermutlich die Geräusche der inneren Organe oder vielleicht die Bewegung der Moleküle in der Luft.
Dass wir Stille wahrnehmen, liegt schlicht an der begrenzten Hörfähigkeit. Die Menschen sehnen sich also quasi nach etwas, das es gar nicht gibt – Stille auf Erden ist nur eine Illusion. Aber wäre der Wunsch nach Stille dann doch einmal erfüllt, wäre das überhaupt auszuhalten? Fürchtet man sich nicht vielmehr vor der Unheimlichkeit der Stille, weshalb mancher im Walde plötzlich pfeift? Oder halluzinierte man nicht möglicherweise? „Die Leute werden dann schnell verrückt“, sagt Dr. Friedrich Blutner. Der Psychoakustiker hat daheim im stillen Erzgebirgswald in schalltotem, reflexionsfreiem Raum experimentiert und berichtet, „hoch nervöse Probanden hörten dort ihren ganzen Körper, und Musiker konnten dort kaum spielen“.
Die Geräusche der Natur sind für uns selten Lärm
Mensch und Hirn sind halt nicht gemacht für die Stille. Für den Lärm aber sehr wohl. Das immer offene Ohr, mit Hirn und Seele verbunden, schlägt sofort Alarm beim leisesten Misston, bereits im Mutterleib. Und nur der Mensch lärmt, die Natur hingegen macht Geräusche, die wir selten als Lärm empfinden: Das erweckende Hahnkrähen, der meist beruhigend rauschende Bach, selbst der trompetende Elefant oder der Gewitterdonner. „Der nicht messbare Lärm entsteht lediglich im Kopf, wenn der messbare Schall auf das Bewusstsein trifft und so eine soziale Beziehung entsteht“, sagt Buchautorin Sieglinde Geisel („Nur im Weltall ist es wirklich still“, Galiani 2010). „Lärm ist interpretiertes Geräusch, eines, das irgendjemand stört, ängstigt.“ Natürlich ist der Lärm stets relativ, individuell und wird spezifisch wahrgenommen: Die Kreissäge, der Zahnarztbohrer, der tropfende Wasserhahn, das Schlagzeug, Sex der Nachbarn, gar eine Mücke, das Knacken von Gelenken (Hitliste des Lärms unter sound101.org)...
Den eigenen Krach erträgt man leichter
Kaum etwas besitzt eine derartige Ambivalenz wie der Lärm. Nach Erhebungen des Umweltbundesamtes leidet die Hälfte aller Deutschen unter den unzähligen Varianten von Lärm, viele aber feiern ihn, nicht nur an Silvester. Gleichwohl war und ist er oft auch Raum für Rücksichtslosigkeit und Machtgehabe, Ausdruck des Kampfes und der Rebellion, etwa durch Rockmusik. Und ist er nicht erst vor hundert Jahren als Gefühl des Aufbruchs zu Beginn der Industrialisierung mit knarzenden Automobilen und brachialen Maschinen geradezu enthusiastisch begrüßt worden?
Lärm ist immer der Lärm der anders Lärmenden, während man den eigenen Krach gewiss viel leichter erträgt. Viele meinen, dass die globale Welt lauter geworden sei. Doch es gibt selbst für die Städte keine Untersuchungen, die einen Lärmzuwachs oder gestiegenen Gesamtschallpegel in den vergangenen hundert Jahren untermauern. Zwar nimmt die Zahl der Ballungszentren zu, doch moderne Technik macht die Umgebung auch leiser. „Aber klar ist: Durch die Urbanisierung hat sich die Lärmbefindlichkeit der Menschen verändert und ihre Lärmempfindlichkeit erhöht“, sagt Friedrich Blutner. Vor allem in den Städten, weniger auf dem Land, wo die Schallquellen – wie der Hund des Nachbarn – nicht anonym sind.
Die Suche nach Stille ist der Wunsch nach inneren Ruhe
Studien in heutigen Metropolen zeigen, dass baumbegrünte Straßen als weniger laut empfunden werden, obwohl die Pflanzen die Lautstärke nicht wesentlich senken. „Was wirklich lärmt und Krach macht“, sagt die Schweizerin Geisel, „sind die Gedanken und Gefühle. Lärm ist die Unruhe der Seele“. Deshalb sei die Sehnsucht der Menschen nach Stille eher der Wunsch nach innerer Ruhe. Stille ist also, wenn wir nur all das hören, was wir hören wollen.
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