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Virenlotto ohne Wirkung?
Für die Produktion des Impfstoffes werden in Europa 90 Millionen Hühnereier jährlich verbraucht Foto: pa/dpa

Virenlotto ohne Wirkung?

Von Bert Ehgartner | 09. Okt 2008 | Medizin

Grippe-Schutz

Millionen Menschen vertrauen Jahr für Jahr auf die Impfung. Dabei wachsen Zweifel an der Wirksamkeit. Kommt sie oder kommt sie nicht – so lautet jedes Jahr wieder die Frage nach der großen tödlichen Grippewelle. Die Vorratsschränke der Apotheker haben sich im Oktober wieder bestens gefüllt, 22 Millionen Einzeldosen, 18 zugelassene Impfstoffe warten auf Käufer, im Schnitt für rund 25 Euro. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Influenza-Impfung für Personen ab 60 Jahren, die Kosten übernehmen hier die Kassen. Die Kampagnen laufen. Wer nicht zum Impfdoktor geht, so die implizierte Botschaft, ist vermutlich lebensmüde.

Fast jeder zweite Senior lässt sich impfen

Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage haben sich 48 Prozent der Senioren im Vorjahr impfen lassen. Ob sie deshalb auch vor dem Ausbruch einer Grippe geschützt waren, ist weniger sicher. Denn Influenza-Impfstoffe müssen an die aktuelle epidemiologische Situation angepasst werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt deshalb jährlich eine Vorhersage ab, welche Influenzatypen der Südhalbkugel sechs Monate später auf der Nordhalbkugel ihr Unwesen treiben. In dieser Saison wurden erstmals seit zwei Jahrzehnten alle drei in der Impfung enthaltenen Viren-Stämme ausgetauscht. Wohl auch deshalb, weil das Virenlotto der WHO letztes Mal daneben gegangen ist. Bei Viren der Influenza-Type A lag die Schutzrate bei knapp 60 Prozent, gegen die Virentype B bot die Impfung gar keinen Schutz. Die US-Gesundheitsbehörden rechneten das zu einer Wirksamkeit von 44 Prozent zusammen – immerhin besser als 2004, wo mit knapp 20 Prozent Schutzrate ein Negativrekord aufgestellt worden war.
Damals lag es aber nicht an der Prognose. Das Vorwarn-Netzwerk der WHO hatte in jenem Jahr mit dem Virentyp „Fuji“ schon richtig gelegen. Das Virus entpuppte sich aber als zu aggressiv für das Herstellungsverfahren (siehe Kasten). So musste rasch ein Ersatz genommen werden, der sich als unwirksam herausstellte.
„Im Fall einer tödlichen Pandemie“, sagt Prof. Dr. Johannes van der Wouden, Influenza-Experte der Erasmus Universität in Rotterdam, „sind wir mit unserer derzeitigen Katastrophenplanung chancenlos.“ Wenn schon ein mittel-aggressiver Virentyp wie Fuji die Impfstoff-Produktion zum Erliegen bringt, wäre eine von Experten prophezeite tödliche Pandemie – ähnlich wie im Winter 1918/19 – verheerend.
Die Grippe-Impfung hat insgesamt den Ruf eines Schmuddelkindes in der Familie der erfolgreichen Impfungen. Denn auch wenn beide Unsicherheitsfaktoren – Prognose und Produktion – klappen, ergibt sich nur eine recht bescheidene Schutzwirkung von 20 bis höchstens 80 Prozent. Wie groß das Dilemma ist, zeigte eine Serie von Übersichtsarbeiten, die von der angesehenen Cochrane-Gruppe im Fachjournal „The Lancet“ publiziert wurde. Das Resümee von Dr. Tom Jefferson, dem Koordinator der Forschergruppe, fällt deprimierend aus: „Für Kinder unter zwei Jahren wirkt die Impfung nicht besser als ein Placebo. Und auch für ältere Menschen, scheint es sinnvoller, wenn sie sich die Hände waschen und auf gesunde Lebensweise mit viel Bewegung achten, als wenn sie zum Impfarzt gehen.“

„Der Impfnutzen kann nicht bewiesen werden“

„Der Nutzen der Influenza-Impfung für ältere Menschen wird enorm überschätzt“, resümierten im letzten Jahr Wissenschaftler des Nationalen Gesundheitsinstituts der USA. „Falls es überhaupt einen Nutzen gibt, so kann er auf Basis der vorhandenen Evidenz nicht bewiesen werden.“ Ebenso wie Jefferson weisen die Forscher darauf hin, dass bei den bislang der Öffentlichkeit vermittelten wundersamen Effekten der Impfung irgendetwas faul sein muss: „Denn während im Schnitt etwa fünf Prozent der Sterblichkeit im Winter der Influenza zugerechnet wird, kommt bei vielen Studien heraus, dass die Impfung 50 Prozent der gesamten Sterblichkeit verhindert.“
Es wäre schön, wenn die Impfung zumindest einen Bruchteil dieser Versprechungen auch wahr machen könnte. Immerhin betreffen ja – laut Statistischem Bundesamt – 90 Prozent der Grippe- und Pneumonietodesfälle Menschen über 65 Jahren. Mehr als die Hälfte der Influenzaopfer sind sogar älter als 80 Jahre.

Trotz Impfung stieg die Todesrate

Tatsächlich zeigt eine Analyse der gesamten Sterblichkeit in den USA über die letzten beiden Jahrzehnte jedoch, dass es nicht einmal das kleinste Indiz dafür gibt, dass die Influenza-Impfung überhaupt einen Einfluss auf das Sterberisiko hat. Obwohl sich die älteren Menschen heute viel öfter impfen lassen und die Impfrate von 15 Prozent im Jahr 1980 auf 65 Prozent im Jahr 2001 gestiegen ist, gingen die Grippesterbefälle nicht zurück. Sie nahmen sogar leicht zu. Ein Effekt, den auch eine Untersuchung der Universität Bari in Italien offen legte. „Unsere Ergebnisse stellen die derzeitigen Konzepte infrage, wie ältere Menschen am besten vor dem Grippetod geschützt werden können“, schreiben die italienischen Wissenschaftler und fordern „besser kontrollierte wissenschaftliche Studien“. Die Kernfrage lautet, ob die Grippeimpfung für Menschen mit vergleichbarer Gesundheit einen Vorteil bietet. Wissenschaftler haben dies im Auftrag einer großen US-Krankenkasse untersucht und die Ergebnisse vor einigen Wochen in „The Lancet“ veröffentlicht. Dabei zeigte sich: Menschen, die zur Impfung gehen, leben meist ohnehin gesünder und haben deshalb ganz ohne Grippesaison ein um 40 Prozent niedrigeres Lungenentzündungs-Risiko. Während der Grippewellen erkranken sie allerdings fast genau so häufig wie nicht Geimpfte. Ihr Erkrankungsrisiko ist nur acht Prozent geringer.
Dennoch zeigt Studienleiter Dr. Michael Jackson sich milde mit der Grippe-Impfung. Seiner eigenen Großmutter würde er trotz allem dazu raten, sagt der Wissenschaftler. Schließlich sei die Impfung sicher und gut verträglich.

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Impfung aus dem Ei

Produktion Die Viren für den Impfschutz züchtet man seit der Erfindung dieser Methode im Jahre 1931 noch immer weitgehend in Hühner-Eiern. Die Eier werden elf Tage bebrütet, dann die gentechnisch veränderten Viren ins Ei gespritzt und zwei weitere Tage warm gelagert. Die Viren schleusen in dieser Zeit ihr eigenes Erbgut in die Zellen der Hühner-Embryos und programmieren deren Zellkerne zu kleinen Influenza-Virenfabriken um. Das Virus wird gesammelt und chemisch und durch Kälte deaktiviert. Die Produktion verbraucht jährlich weltweit 300 Millionen Hühnereier.


Alternativer Impfstoff Als Alternative wurde kürzlich ein Impfstoff zugelassen, der auf einer „unsterblichen“ Zellkultur außerhalb eines Organismus gezüchtet wird. Die Technik soll viel Zeit sparen, steckt aber noch in den Anfängen. Es gibt Lieferengpässe.