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Von Düften umzingelt
Duftstoffe in Reinigungsmitteln wirken reizend auf manche Menschen Foto: PA/Medicalpictur

Von Düften umzingelt

Von Dieter Weirauch | 05. Feb 2009 | Medizin

Allergien

Es liegt was in der Luft: Kaum ein Kaufhaus, kaum ein Elektronikmarkt, in dem nicht unscheinbare schlanke Duftsäulen oder die Klimaanlage dezente Aromen verströmen, die den Kunden zum Kauf anregen sollen. Die Betreiber nennen das Duftmarketing, bei vielen Menschen allerdings lösen die Wohlgerüche eine langwierige Krankheit aus: Duftstoffallergie.
Nach den Metallen Nickel und Kobalt sind Duftstoffe die zweithäufigste Kontaktallergengruppe in Deutschland: Über eine Million Menschen sind von einer Duftstoffallergie oder Duftstoffunverträglichkeit betroffen, sagt Prof. Dr. Thomas Fuchs vom Vorstand des Ärzteverbandes der Allergologen Deutschlands. „Wenn überall Düfte durch die Räume wabern, dann ist das nicht gesund. Es ist ein Riesenproblem.“
Täglich erlebt der Allergologe von der Universitätsmedizin Göttingen betroffene Patienten. Die Symptome: raue, gerötete oder schuppende Haut und Juckreiz. Wenn der Kontakt mit dem Allergieauslöser länger anhält, können Bläschen, Knötchen und schmerzhafte Einrisse auftreten. Allergieauslösende Duftstoffe wie Eichenmoos, Isoeugenol oder Zimtaldehyd, im Perubalsam enthaltene Stoffe oder Terpene sind als Lufterfrischer fast überall präsent, etwa als „Duftbäume“ in Autos, und werden vielen Kosmetika und Haushaltsreinigern zugesetzt. Sogar in Lebensmitteln, Getränken und Tabak können sie enthalten sein.

Atemnot und Hustenanfälle

Bei vielen Allergiepatienten oder Menschen mit Atemwegsbeschwerden erzeugen zu stark ausgebrachte Düfte nicht nur Hautekzeme, sondern auch Atemnot, Hustenanfälle, laufende Nase, oder Augenreizungen. Für die Reaktionen spiele es keine Rolle, ob es sich um ein natürliches oder ein künstlich hergestelltes Aroma handele, sagt Allergologe Fuchs. Für Patienten gebe es nur eine sichere Möglichkeit, eine allergische Reaktion zu verhindern: keine Räume aufzusuchen, in denen es duftet.
Das ist leichter gesagt als getan: In vielen Bereichen hat sich inzwischen die Ansicht durchgesetzt, dass gute Gerüche den Absatz beflügeln. Das „Emotional Marketing“ verlangt von Unternehmen, nicht nur übers Aussehen der Produkte nachzudenken, sondern auch über einen unverwechselbaren Geruch. Manche Modehäuser tauschen mit der Saison auch das Aroma ihrer Filialgeschäfte aus. Vom Autohaus, über Backstuben bis zum Sex-Shop wird alles beduftet, in den Kundendateien der „Air-Designer“ finden sich Hotel- und Restaurantketten sowie Einkaufszentren. Fast alle Hersteller berufen sich auf eine jetzt zwölf Jahre alte Studie der Wirtschaftswissenschaftlerin Anja Stöhr von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden. Sie testete die Duftwirkung in 200 Sportgeschäften und schreibt in ihrem Buch „Air Design als Erfolgsfaktor im Handel“, dass dadurch der Umsatz um drei bis sechs Prozent gestiegen sei, die Verweildauer im Laden immerhin um 15,9 Prozent. Der Kristallhersteller Swarovski habe durch Duftstoffe in einem Geschäft den Umsatz sogar um 15 Prozent verbessert.


Hotel-Beduftung über die Klimaanlage
Vor mehr als zehn Jahren hat Jens Reismann mit dem Beduftungsgeschäft in seiner Küche begonnen. Heute ist er Geschäftsführer der Firma Reima Air Concept im sächsischen Zwickau mit zwölf Beschäftigten. In rund 20 Länder liefert er seine Mixturen, darunter Dubai, Russland, Hongkong, die Beneluxstaaten und Kasachstan. Für Airports und Praxen hat Reißmann den Duft namens „Patience“ entwickelt, was „Geduld“ heißt. Und als im Leipziger Zoo für eine Fotoausstellung Afrika-Duft gewünscht wurde, war auch das kein Problem für den Duftmacher. Selbst Betreiber von Geisterbahnen fragen bei ihm an. Im Ausland beduftet Reismann komplette Kaufhäuser und Hotels direkt über Klimaanlagen.

Die meisten Substanzen wurden nie getestet

Das Umweltbundesamt sieht die Entwicklung mit Besorgnis und drängt schon länger darauf, auf den Einsatz zu verzichten oder zumindest Verbraucher mit deutlichen Hinweisen aufzuklären, wenn ein Raum beduftet wird. Bislang ohne Erfolg (siehe Interview). Das Amt weist darauf hin, dass die meisten der etwa 3000 verwendeten Duftsubstanzen nie auf Verträglichkeit bei der Inhalation getestet wurden. Nur für 26 Stoffe besteht eine Kennzeichnungspflicht. Die Hersteller wiederum berufen sich auf die Richtlinien ihrer Organisation IFRA (International Fragrance Regulation), eine Art freiwilliger Selbstkontrolle der Branche.
Die Deklarationspflicht sei völlig unzureichend, sagt Ingrid Scherrmann. Die pensionierte Studiendirektorin leidet nach eigener Aussage seit 20 Jahren an einer ausgeprägten Duftstoffunverträglichkeit und macht auf ihrer Homepage www.safer-world.org gegen die Geruchsindustrie mobil. Duftstoffe seien eine „gesundheitsschädigende Einkaufsfalle“, sagt sie und fordert ein generelles Verbot.

Studie: Reinigungssprays erhöhen Asthma-Risiko

Die wenigen Studien, die öffentlich zugänglich sind, bestärken den Verdacht der Kritiker. Wer an bis zu drei Tagen pro Woche Reinigungssprays oder Lufterfrischer verwende, erhöhe sein Asthma-Risiko um 40 Prozent, stellte Dr. Jan-Paul Zock vom Barcelona Municipal Institute for Medical Research in einer Zehn-Länder-Studie mit 3500 Teilnehmern fest. Bei regelmäßiger Anwendung an vier bis sieben Tagen pro Woche erhöhe sich das Risiko sogar um bis zu 70 Prozent.
Selbst unter Ärzten ist das Problembewusstsein nicht immer vorhanden. „Manche sagen zu den Patienten: Haben Sie sich nicht so, Sie bilden sich das nur ein“, berichtet Allergologe Fuchs. Auch in Praxen finden sich deshalb Duftsäulen, die etwa mit Orangenaromen Patienten die Angst nehmen und andere Gerüche überdecken sollen. Der Deutsche Allergie- und Asthma-Bund hält das für „verantwortungslos“.

Lesen Sie dazu auch: Wo es nach Schoko, Popcorn und Leder riecht sowie ein Interview mit Umweltmediziner Dr. Wolfgang Straff

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Rat und Hilfe


Duftstoffallergie
Betroffen sind etwa eine Million Deutsche. Manche auslösenden Stoffe können mit einem Hauttest festgestellt werden. Allerdings enthält mancher Duft über 100 verschiedene Substanzen.

Broschüre „Duftstoffallergie“, gegen 1,10 € in Briefmarken bei: Europäisches Verbraucherzentrum Kiel - Ohne Duft - Postfach 2025, 24019 Kiel

Beratung bietet u.a. der Deutsche Allergie- und Asthmabund e.V. (www.daab.de), Fliethstraße 114, 41061 Mönchengladbach. Tel.: 02161 / 8149 40. Mail: info@daab.de.