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Kleine Hände
Ein Frühchen wird auf einer Intensivstation versorgt. Bei der Geburt wog es nur 740 Gramm Foto: pa/medicalpicture

Kleine Hände

Von Ute Friederike Wegner | 12. Mai 2010 | Kinder

Frühgeburten

275 Gramm wog der kleine Junge. Die Ärzte der Göttinger Uni-Klinik hatten ihn in der 25. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. Sechs Monate später, Ende des vergangenen Jahres, konnte die Mutter ihren inzwischen 3700 Gramm schweren Sohn nach Hause holen. Ein Ausnahmefall.

Rund 50.000 Frühgeborene kommen jährlich in Deutschland auf die Welt. Diejenigen von ihnen, die mit einem Gewicht von mehr als 1500 Gramm und nach einer Schwangerschaftsdauer von 32 bis 36 Wochen geboren werden, sind zwar „Risikofrühchen“, haben aber dank der großen Fortschritte der Neonatologie, wie die Frühgeborenenmedizin in der Fachsprache heißt, praktisch die gleichen Chancen wie ein reif geborenes Kind. Das betrifft die meisten Frühgeborenen.

„Kritisch wird es mit einem Geburtsgewicht unter 1000 Gramm“, sagt Prof. Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie der Universitätsmedizin Charité in Berlin. Bundesweit werden etwa 6000 Babys im Jahr nach weniger als 32 Wochen Schwangerschaftsdauer geboren. Sie fallen in den Hochrisikobereich. Etwa die Hälfte der Kinder, die weniger als 750 Gramm wiegen, stirbt oder ist später in seiner Entwicklung beeinträchtigt.

Grundsätzlich gilt: Je leichter und unreifer ein Kind ist, umso höher die Gefahr, dass es nicht oder nur mit Folgeschäden überlebt. In Deutschland wird als untere Grenze für eine medizinische Intervention bei Frühchen eine Schwangerschaftsdauer von 22 bis 24 Wochen angesehen. „Eine der schwierigsten Fragen der Neonatologie ist: Wie viel Leid akzeptiert man für das Überleben?“, sagt Prof. Bührer. „In dieser Grenzzone ist das eine individuelle Entscheidung der Eltern.“ Eine drohende Frühgeburt bleibt oftmals unbemerkt. „Häufig äußert sie sich durch einen vorzeitigen Blasensprung“, sagt Prof. Karim Kalache, Leitender Oberarzt der Klinik für Geburtsmedizin des Charité Campus Mitte. „Das passiert meist zwischen der 18. und 20. Woche. Dabei geht eine sehr kleine Menge Fruchtwasser ab, die man übersieht.“ Erst die Ultraschall-Untersuchung bei der Vorsorge zeigt, dass kein Fruchtwasser mehr da ist. Einige Wochen später kommt es dann zur Frühgeburt.

Ein anderes Warnsignal sind vorzeitige Wehen, rhythmische Schmerzen im Unterbauch. Sie werden mit einem wehenhemmenden Medikament gestoppt. In seltenen Fällen leiden Frauen an einer Schwäche des Gebärmutterhalses. Sie verlieren ihre Kinder zwischen der 19. und 21. Woche bei einer „Sturzgeburt“. Das geht meist so schnell, dass jedes Eingreifen zu spät ist. Um dem vorzubeugen, wird der Gebärmutterhals der Frauen zugenäht. Ebenfalls selten ist eine Präeklampsie Ursache dafür, dass das Baby vor dem Termin aus dem Mutterleib geholt werden muss. Bei dieser Erkrankung ist die Bildung und Einnistung des Mutterkuchens gestört. Infolgedessen kann sich das Baby nicht richtig ernähren. Es hört auf zu wachsen, was im Ultraschall zu sehen ist. Die betroffenen Schwangeren leiden an Kopfschmerzen, Schwindel und hohem Blutdruck.

Im Brutkasten auf das Leben vorbereitet
 
In jedem Falle sollte sich die angehende Mutter bei ungewöhnlichen Anzeichen sofort an einen Frauenarzt oder die Notaufnahme eines Krankenhauses mit einer Frauenheilkunde und Geburtshilfe wenden. Hier sollte sie unbedingt darauf bestehen, dass ein Frauenarzt bei der Untersuchung hinzugezogen wird. Entscheidend für die Gesundheit des Frühgeborenen ist die Wahl der Geburtsklinik. Ideal ist ein Perinatalzentrum, in dem Neonatologen und Geburtsmediziner Wand an Wand arbeiten. Das ist besonders bei Hochrisikofrühchen wichtig.

Nach einer Schwangerschaftsdauer von mehr als 32 Wochen ist eine Klinik mit Perinatalschwerpunkt ausreichend. Am besten bespricht man das rechtzeitig mit dem Frauenarzt. In einem Perinatalzentrum werden die Frühchen von Anbeginn in einem Brutkasten medizinisch überwacht. Ein Beatmungsgerät versorgt sie mit Sauerstoff, Elektroden überwachen die Herzfrequenz, per Infusion erhalten sie Zucker, Salze und Elektrolyte, dazu gibt es kleine Mengen Muttermilch über eine Magensonde. Meist bleiben die Frühchen die versäumte Zeit der „Schwangerschaft“ in der Klinik, bis sie auf das Leben vorbereitet sind.

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Körperkontakt

Känguru Frühgeborene haben die gleichen Bedürfnisse wie andere Babys auch. Sie benötigen Wärme, Nahrung und die Liebe und Zuwendung ihrer Eltern. Mutter und Vater sollten ihr Frühchen daher jeden Tag in der Klinik besuchen. Bewährt hat sich die sogenannte Känguru-Methode, bei der das Neugeborene dem Vater oder der Mutter auf die Haut der nackten Brust gelegt wird. So spürt das Kind seine Eltern – und umgekehrt. Viele müssen dabei zunächst Unsicherheit und Ängste überwinden, ihr Frühchen ist so klein, zart und wirkt zerbrechlich.