Man nehme ein Gehirn, lege es in eine Nährlösung, gebe Neuro-Enhancer dazu, rühre Vitamine ein und lasse das Gehirn positive Gedanken denken. Schon haben Sie ein glückliches Gehirn.
Nein, nun im Ernst: Vor einigen Tagen landete die Ankündigung eines Buches mit dem Titel „Das glückliche Gehirn“ auf meinem Schreibtisch. Der Verlag nennt darin den Autor einen mehrfach ausgezeichneten Neurowissenschaftler und bietet einen Internet-Link zu einem „Beautiful Brain Store“ an, bei dem man Pillen zum Steuern von Aufmerksamkeit, Begierden, Gedächtnis oder Stimmung kaufen kann. Der Internet-Verweis zeigt, wozu das Gerede vom „glücklichen Gehirn“ dienen soll: Es wirbt für ein technologisches Denken, das Glück über äußere Eingriffe in das Gehirn herstellen will. Es wirbt für eine medizinische Glücksindustrie.
Wissenschaftlich ist dieses Gerede unsinnig. Denn glückliche Gehirne gibt es einfach nicht. Die graue Masse in der Lösung kann niemals glücklich sein.
Glücklich kann nur ein Mensch sein. Aber zu ihm gehört ein Körper mit einem wunderbaren Zentralorgan, dem Gehirn, das aber ohne diesen Körper nur ein gefühlsfreier Zellhaufen ist. Das Gehirn selbst empfindet nicht einmal Schmerz, man kann Patienten im Wachzustand an ihm operieren.
Glücklich werden Menschen zum Beispiel durch die Liebe. Wo aber existiert die? In den Gehirnen? Oder zwischen den Menschen? Oder in der Beziehung eines Menschen zu einem Tier oder zur Schöpfung?
Wir spüren die Liebe, wir können sie artikulieren, und unser Gehirn vermittelt diese Prozesse auf wunderbare Weise. Aber meine Liebe ist nicht in meinem Gehirn. Sie ist zwischen mir und meiner Frau und meinen Kindern.
Falls Sie an Ihrer Liebe zweifeln und den Hirn-Mythen glauben wollen, versuchen Sie doch einmal, in Ihrem Gehirn nachzuschauen, ob es glücklich ist. Hoffentlich macht Sie die sinnlose Suche nicht unglücklich!
In der Neurowissenschaft gibt es Fundamentalisten, die eine neue Weltformel ersinnen. Sie lautet, dass das Gehirn entscheidet, handelt oder glücklich macht. Und nicht der Mensch. Diese Neuronen-Erwecker meinen, dass nur das wirklich ist, was in Messdaten sichtbar gemacht werden kann. Ihre Botschaft lautet, dass man das in bunten Bildern darstellbare Gehirn verbessern kann.
Wer nichts von Fundamentalismus hält, sollte Büchern misstrauen, die das Gehirn zu einem Wesen erklären. Und stattdessen versuchen, sich und andere glücklich zu machen.
KOLUMNIST Prof. Ulfried Geuter ist Psychologischer Psychotherapeut in Berlin

