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Die Qual mit dem Körper

Die Qual mit dem Körper

Von Prof. Ulfried Geuter| 19. Aug 2010 | Psychologie

Kolumne Ich & Es

Morgens steht sie vor dem Spiegel. Scheußlich findet sie sich. Die Lippe zu dick, die Brauen zu breit, und dann diese Hautflecken auf dem Arm. Sie zupft die Augenbrauen, zieht Konturen nach, deckt Flecken ab. Aber es hilft ihr nicht, sich besser zu fühlen. Auch die Oberschenkel sind zu dick. Sie mag sich niemandem zeigen. Denn sie ist sich sicher: Alle anderen finden sie so abstoßend, wie sie sich selbst.

Menschen, die selbstquälerisch mit der Sorge um Makel beschäftigt sind, die andere nicht einmal bemerken, leiden unter einer Körperdysmorphen Störung. So nennen Psychotherapeuten das Krankheitsbild, bei dem ein Mensch fest davon überzeugt ist, sein Körper sei an dieser oder jener Stelle völlig aus der Form. Es geht hierbei nicht darum, zu dick zu sein, wie bei einer Magersucht. Empfunden werden konkrete Makel.

Viele der Patienten suchen einen Schönheitschirurgen auf. Sie lassen sich Lippen aufspritzen, Augenbrauen anheben, den Penis verlängern oder die Brüste vergrößern. Aber vier von fünf Patienten fühlen sich nach einer kosmetischen Operation nicht anders als vorher. Scham, Ekel vor sich selbst, Ablehnung des eigenen Körpers, Ängste gegenüber anderen und als Folge bei über 70 Prozent der Betroffenen eine Depression bleiben. Ein Viertel der Betroffenen wird von Selbstmordphantasien gequält.

Über die Gründe der Krankheit findet man in der psychologischen Literatur kaum Erhellendes. Die Rede ist von einer erhöhten Sensibilität für ästhetische Proportionen, von fehlerhaften Wahrnehmungen, von einem negativen Selbstbild oder einer Fixierung auf Schönheitsdetails. Aber das ist nur das, worunter diese Menschen leiden.

Vielleicht sind die Gründe mehr in der immer weiteren Entblößung der Körper in unserer Zeit zu suchen. Und in dem Hang, sogar den eigenen Körper zu einem Projekt zu machen, dessen Styling man selbst in die Hand nimmt.

In Deutschland hat sich seit 1990 die jährliche Zahl kosmetischer Operationen verdreifacht. Doch Menschen, die zum plastischen Chirurgen gehen, haben häufiger als andere traumatische Erfahrungen hinter sich. Ob Ablehnung oder Gewalt in der Familie als Kind auch gehäuft bei Menschen anzutreffen ist, die unter einer Körperdysmorphen Störung leiden, ist nicht bekannt.

Bislang gibt sich die Psychotherapie mit pragmatischen Vorschlägen zufrieden: Dass Betroffene ihre Kontrollrituale vor dem Spiegel aufgeben, dass sie sich dem aussetzen, was sie sonst vermeiden, und entdecken, was ihrem Leben Sinn geben kann. Zumindest ist das ein erster Ansatz, um zu helfen.
 
Kolumnist Prof. Ulfried Geuter  ist Psychologischer Psychotherapeut in Berlin

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