Seitennavigation

Wie ein Lokführer nach Unfällen wieder ins Leben findet
Ralf Pasewald im Cockpit eines Odeg-Triebfahrzeugs: Den Blick immer nach vorn Fotos: D. Weirauch

Wie ein Lokführer nach Unfällen wieder ins Leben findet

Von Dieter Weirauch | 23. Jun 2010 | Psychologie

Trauma

Für Lokführer und Zugbegleiter ist Ralf Pasewald eine Institution. Der Berliner gründete die bundesweit erste Selbsthilfegruppe für Lokführer nach Unfällen mit Personenschaden, wie es im Eisenbahnerdeutsch heißt. Für Ralf Pasewald und seine Frau Birgit gab es Zeiten, in denen sie der Verzweiflung nahe waren. Mit viel Energie gelang Pasewald die Rückkehr in ein zufriedenes Leben.

Seinen ersten Unfall, im Mai 1998 auf seinem „Lieblingsbahnhof Schöneweide“, verdrängte der Triebfahrzeugführer. „Ich habe damals einfach nur funktioniert, Spannung von der Stromschiene genommen, Notbremse gezogen und Notruf abgesetzt.“ Niemand kümmerte sich um ihn, fragte ihn, ob seine Seele Schaden litt. „Unter Lokführern gibt es schwarzen Humor, da erzählt man sich Witze und gibt sich als harter Kerl.“ Da fallen Sätze wie: „Ach, ich hab schon fünf überfahren, da kommst auch du drüber weg.“ Die nüchterne Statistik ist brutal: Danach überfährt jeder Lokführer einmal in 15 Jahren einen Menschen. Mehr als 1000 Menschen werden pro Jahr in Deutschland auf Schienen überrollt. Nach dem Freitod von Nationaltorwart Robert Enke nahmen Bahn-Suizide zu, Nachahmereffekt heißt das.

Unglück Nummer zwei geschah Ende 2001. Die Kripo ermittelt gegen Pasewald wegen fahrlässiger Tötung. Doch es war kein Unfall, sondern, wie er später erfuhr, geplanter Selbstmord. Auch als er weiß, der Mann wollte sich umbringen, ist er voller Schuldgefühle. Pasewald fällt in ein tiefes seelisches Loch. Panik- und Angstattacken sowie Schweißausbrüche waren Anzeichen für eine posttraumatische Belastungsstörung. Er kam in die Psychosomatische Abteilung der Brandenburg-Klinik in Wandlitz. Die Seelenqual, die ein Selbstmörder beim Lokführer hinterlässt, kann diesen zerstören. Chefarzt Dr. Münch sagte ihm: „Ich kann Ihnen versichern, Sie sind nicht bescheuert.“ In einer speziellen Traumabehandlung lernte er, Erlebnisse zu verarbeiten, um mit belastenden Situationen besser umzugehen. Pasewald verpackte die schrecklichen Bilder wie einen Gegenstand und lernte diese in einen gedanklichen Tresor abzulegen, dessen Tür zubleibt. Im Juni 2002 wurde er als nicht arbeitsfähig entlassen. Aus seinem Traumberuf wurde ein Albtraum.

Rückhalt bei Familie und Arbeitskollegen wichtig

Das Zittern und die Schweißausbrüche bleiben, sein Körpergewicht wird mehr. Anfangs hat er sogar Angst, auf einen Bahnsteig zu gehen oder mit der S-Bahn zu fahren. Er versucht es als Rangierer, dann als Personaldisponent in einem Betriebswagenwerk. Doch die Erinnerungen an das schreckliche Unglück bleiben, zu nah ist die S-Bahn im täglichen Leben. Wichtig, so Dr. Münch, sei deshalb der Rückhalt bei Familie oder den Arbeitskollegen.

Pasewald sieht andere traumatisierte Lokführer leiden und sammelt Menschen mit ähnlichen Erlebnissen um sich. Er gründet trotz Widerständen des damaligen Vorstandes der Bahn AG die bundesweit erste Selbsthilfegruppe für „Lokführer mit Personenschaden“. Bei den Treffen im Selbsthilfezentrum Marzahn am Rande Berlins hören Betroffene anderen Betroffenen zu. „Das letzte Mal, als ein Psychologe sprach, reichten die Plätze kaum“, sagt Pasewald. Meist sind Ehepartner oder Freunde dabei, denn bei einer posttraumatischen Belastungsstörung ist das private Umfeld mit betroffen.

Bei Gesprächen mit Kollegen spürt Pasewald oft Hilflosigkeit und Verzweiflung. Kollegen bestätigen ihm: „In vielen Fällen suchen die Selbstmörder Blickkontakt.“ Sein Urteil klingt hart: „Selbstmörder missbrauchen uns. Ja, es ist wie eine Vergewaltigung.“ Pasewald widersteht Anfeindungen. Von Nestbeschmutzer ist die Rede. Er würde immer nur die negativen Seiten darstellen, heißt es. Kollegen sagen über ihn: „Der darf nicht mehr fahren.“ Manche wissen, dass er zeitweise zuviel Alkohol trank, um das schreckliche Erlebnis zu verdrängen.
Doch er bleibt stark. Die Familie steht zu ihm. 2007 kündigt er, wechselt Wohnort und Job. Nach sechs Wochen hat er ein Angebot der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft (Odeg). Seitdem steuert er Triebfahrzeuge in Brandenburg: von Eberswalde nach Joachimsthal, von Werneuchen nach Blumberg. Seit vier Jahren ist die Welt wieder eine heile. In freien Stunden absolvierte er eine Zusatzausbildung und ist jetzt als Betriebsdisponent für den Einsatz eines Großteils der Loks und Wagen zuständig. Sein Rat an die Mitglieder der Selbsthilfegruppe: „Man darf nicht mit Angst auf den Zug gehen oder sagen, hoffentlich passiert nichts.“

myEntdecker Luxury Guide

Zur Person

1963 in Frankfurt/Oder geboren, erfüllte sich Ralf Pasewald mit einer Lehre von 1979 bis 1981 als Fahrzeugschlosser, Spezialisierung Lokführer, seinen Kinderwunsch. Nach dem Rangierdienst begann er 1987 als Triebfahrzeugführer bei der S-Bahn. Er ist verheiratet, mit seiner Frau Birgit hat er Tochter Candy. Um anderen Betroffenen zu helfen, mit den Folgen des Unglücks fertig zu werden, gründete er 2002 die Selbsthilfegruppe Lokführer nach Personenunfall.

INFOS Selbsthilfe Kontakt Mobiltelefonnummer 0176 / 61 28 56 26
Internet: www.shg-berlin.de