Nach einem kalten und schneereichen Winter ist der Pollenflug regional zwar leicht verzögert. Auf Hasel, Erle und Co. ist aber Verlass – und die Schonzeit für Allergiker endet. Um die lästigen bis zermürbenden Symptome des Heuschnupfens zu mildern, greifen manche Betroffene auch zu homöopathischen Mitteln.
„Allergische Rhinitis ist eine der häufigsten Diagnosen in der homöopathischen Arztpraxis“, sagt Dr. Michael Teut, Arzt für Homöopathie an der Charité in Berlin. Die Wirksamkeit der homöopathischen Mittel gegen die Rhinitis allergica, so der Fachausdruck, ist wissenschaftlich weitgehend noch unerforscht oder nicht nachgewiesen. Vielfach bleiben Erfahrungswerte. Eine Ausnahme ist der Extrakt der Pflanze Galphimia glauca. „Die Wirksamkeit der homöopathischen Arznei Galphimia glauca bei allergischer Rhinitis ist durch eine Reihe groß angelegter placebokontrollierter Studien belegt und entspricht der Wirksamkeit konventioneller Allergieblocker“, sagt Teut.
Der Mediziner beschäftigt sich auch wissenschaftlich mit Aspekten der Komplementärmedizin. Zum Stand der Forschung sagt er einschränkend: „Die Wirksamkeit der individualisierenden Homöopathie, wie sie meist durchgeführt wird, ist bislang kaum untersucht.“ Weil die klassische Homöopathie keine standardisierten Mittel für jedes einzelne Krankheitsbild vorsieht, müsste entsprechend umfangreich wissenschaftlich erforscht und begründet werden, warum welches Mittel bei welchem Patienten wie wirkt: eine Mammutaufgabe.
Vom Patienten sind ehrliche Auskünfte erforderlich
In der homöopathischen Praxis beginnt die Behandlung daher mit einem ausführlichen Erstgespräch, der Anamnese. „Der homöopathische Arzt sucht eine homöopathische Arznei, die genau auf die individuellen Symptome des Patienten zugeschnitten ist, in der Regel wird aus einer Auswahl von circa 30 Arzneimitteln das individuell am besten passende ausgewählt“, beschreibt Michael Teut.
Das setzt auf der Seite des Behandelnden viel Erfahrung voraus, auf Seiten des Patienten präzise und ehrliche Auskünfte. Sonst besteht die Gefahr, dass diverse Versuche notwendig werden, um das Mittel zu finden, das tatsächlich Linderung bringt. „Neben diesem klassischen Vorgehen gibt es die Möglichkeit, homöopathische Komplexmittel zu nehmen, das sind Arzneimischungen. Sie werden häufig in der Selbstmedikation von Patienten angewendet“, sagt Teut. Ist Homöopathie bei Heuschnupfen angesichts der dünnen wissenschaftlichen Evidenz eher ergänzend anzuwenden, vergleichbar etwa mit Akupunktur, deren Wirksamkeit derzeit in einer großen Studie der Charité geprüft wird? „Homöopathie kann alleine angewendet werden. Wenn die Therapie anschlägt, ist die Wirkung mit konventionellen Allergieblockern, den Antihistaminika, vergleichbar. Eine Kombination mit konventionellen Arzneimitteln ist in schweren Fällen aber auch möglich“, sagt Dr. Teut.
Rhinitis allergica tritt entweder erstmalig akut auf oder ist chronisch, mit Konsequenzen für die Behandlung. „Bei einer akuten Erkrankung liegt der Schwerpunkt der Befragung auf den akuten Beschwerden und der betroffenen Körperregion. In jedem Fall wird aber auch der ganze Mensch betrachtet“, sagt Angelika Szymczak, Homöopathin und Sachbuchautorin im bayrischen Unterschleißheim. „Bei chronischem Heuschnupfen erstreckt sich die Befragung auf Schlaf, Essens- und Lebensgewohnheiten, Lebensumstände, Krankheitsneigung, Schicksalsbelastung, wie lange die Krankheit schon besteht, ob es in der Familie eine Vorbelastung dafür gibt.“ Wer im Frühjahr das erste Mal über die typischen Beschwerden wie Nasenfluss, Reizhusten und Augenrötung klagt, wird mit akuten homöopathischen Mitteln behandelt. Dazu werden zwei bis drei Kügelchen, sogenannte Globuli, des ausgesuchten Mittels in 200 ml Wasser aufgelöst, beschreibt Homöopathin Szymczak. „Immer wenn es besonders schlimm ist, mit einem Plastiklöffel zehnmal umrühren und einen Teelöffel aus dem Becher einnehmen. Wenn sich nach dreimaliger Einnahme aus dem Becher die Beschwerden nicht verbessern, ist entweder das Mittel falsch oder die Potenz des Mittels. Ich rate Laien zur Potenz C 30.“ Besser sei aber die Behandlung durch einen Therapeuten, denn sonst bestünde die Gefahr, dass Beschwerden nur unterdrückt würden.
Der Potenzwert in der Homöopathie sagt aus, in welcher Verdünnung und Verschüttelung der mutmaßliche Wirkstoff enthalten ist. Weil dies bei sogenannten Hochpotenzen äußerst geringe Konzentrationen sind, halten Kritiker der Heilmethode entgegen, dass eine Wirksamkeit durch Wirkstoffe nicht gegeben sein könne. Die Mittel seien Placebos – Scheinarzneimittel.
Solche Zweifel werden zwar immer wieder geäußert. Dennoch ist eine wachsende Nachfrage nach homöopathischer Behandlung zu verzeichnen, der Heilpraktiker und Ärzte mit homöopathischer Zusatzausbildung nachkommen, die ergänzende und Schulmedizin zusammenbringen.

