Professor Reinhart Jarisch geht der Frage nach, wie Seekrankheit behandelt werden kann. Denn sie führe sehr schnell zu Handlungsunfähigkeit und sei daher auch ein Sicherheitsproblem an Bord. „Es gibt keine Krankheit, die so schnell zu Selbstmordgedanken führt wie die Seekrankheit.“ In einer Studie untersuchte der Allergologe die wechselseitige Beziehung zwischen dem Gewebshormon Histamin und Vitamin C. Histamin gilt als Mitverursacher der Übelkeit an Bord. Seine Ergebnisse sieht er als Ergänzung der bisherigen Ursachenforschung zur Seekrankheit. Jarisch arbeitet im Floridsdorfer Allergiezentrum Wien.
GESUND: Offenbar gibt es Menschen, die gar nicht seekrank werden. Was ist bei diesen anders?
Prof. Reinhart Jarisch: Ja, die gibt es. Etwa 20 Prozent der Menschen werden nie seekrank. Mein Vater war einer davon, dafür beneide ich ihn noch heute.
GESUND: Selbst Fische sollen seekrank werden. Das klingt kurios, wie lässt sich das feststellen?
Jarisch: Bei Fischen in einem Aquarium: Das wird Bewegungen ausgesetzt, und die Fische versuchen, diese auszugleichen. Wenn sie das nicht mehr können, prallen sie an die Glaswand. Dann geht man davon aus, dass sie seekrank geworden sind.
GESUND: Werden Schweine tatsächlich nicht seekrank? Sie erklärten dies damit, dass Schweine auch größere Mengen Histamin rasch selbst abbauen können.
Jarisch: Vor 100 Jahren hatte Österreich die dritt- oder viertgrößte Marine der Welt. Damals wurden lebende Tiere als Proviant mitgenommen. Schweine hatten bei Seegang nie Probleme. Schweine sind Alles- und auch Aasfresser. Das heißt, dass sie in der Lage sind, verdorbenes Fleisch, das einen hohen Histamingehalt aufweist, zu essen.
GESUND: Um Histamin abzubauen, wird Vitamin C empfohlen. Wie, wann und in welcher Dosis?
Jarisch: Es gibt eine inverse Relation zwischen hohem Histamingehalt und niedrigem Vitamin-C-Spiegel. Daraus kann man aber nicht mit Sicherheit ableiten, dass Vitamin C Histamin abbaut.
GESUND: Wann sollten Antihistaminika eingenommen werden?
Jarisch: Antihistaminika der älteren Generation werden als Mittel für die Seekrankheit eingesetzt. Da sie liquorgängig sind, also in die Gehirnflüssigkeit eintreten können, wirken sie auch sedierend. Diese müde machende Funktion wird aber von Seglern, die ja wach bleiben sollen, oft abgelehnt. Nach Vitamin-C-Gaben fühlen sich die Menschen frischer.
GESUND: Wie ist die Histamin-Vitamin-C-These gegenüber der bisherigen Annahme zu bewerten, wonach Seekrankheit durch widersprüchliche Informationen an das Gleichgewichtszentrum im Kleinhirn ausgelöst wird?
Jarisch: Die widersprüchliche Information an das Gleichgewichtszentrum ist nach wie vor gültige These. Bei Seegang wird – bei Tieren – im Gehirn Histamin freigesetzt. In welcher Form nun Vitamin C wirksam ist, muss offen bleiben, da dies beim Menschen noch niemand untersucht hat. In unserer Studie mit der Deutschen Marine konnten wir allerdings erstmals beim Menschen zeigen, dass es zu einem signifikanten Anstieg von Histamin im Blut kommt.
GESUND: Sind weitere Studien zu Histamin und Vitamin C geplant?
Jarisch: Es ist eine placebokontrollierte doppelblind Studie der Marine auf Schiffen mit zwei mal 200 Personen geplant. Die Studie ist auf Platz sechs von 15 eingereichten Projekten gereiht und sollte doch finanzierbar sein.
GESUND: Wird man gegen Seekrankheit „immun“, wenn man sie nur oft genug durchlitten hat?
Jarisch: Nach zwei bis drei Tagen auf See ist man immun. Diese Immunität vergeht wieder, wenn man an Land geht. Dann bekommt man die „Landkrankheit“, auch „Mal de debarquement“ genannt, und erlebt die Seekrankheit in gemilderter Form wieder.
GESUND: Wenn auf hoher See dieser Gewöhnungseffekt einsetzt: Was verändert sich dabei dann im Körper?
Jarisch: Das histaminerge Neuronensystem ist für die Seekrankheit, das acetylcholinerge Neuronensystem für die Gewöhnung verantwortlich. In unserer Studie war interessant, dass sich alle Probanden am zweiten Tag signifikant besser gefühlt haben, unabhängig von der Medikation.
GESUND: Frauen gelten als anfälliger für Seekrankheit. Wie erklärt sich dies?
Jarisch: Dass Frauen anfälliger sind, ist eine Tatsache. Am wenigsten anfällig sind sie zum Zeitsprung der Ovulation, des Eisprungs, am anfälligsten zum Zeitpunkt der Menstruation. Diese zyklusbedingte Abhängigkeit gilt übrigens auch für Kopfschmerzen, Migräne und Asthma bronchiale.
GESUND: Auch jüngere Menschen gelten als empfindlicher im Vergleich zu älteren. In welchem Alter setzt die „Besserung“ ein, und woran liegt das?
Jarisch: Jüngere Menschen unter 30 Jahren – außer Kleinstkinder – sind anfälliger für Seekrankheit. Eine Erklärung dafür kenne ich nicht. Das ist umso interessanter, als ältere Menschen für allergische Schockreaktionen, bei denen Histamin eine wichtige Rolle spielt, anfälliger sind.
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