Sie ist 300-mal süßer als Zucker und hat null Kalorien. Befürworter der in Südamerika beheimateten Steviapflanze sprechen deshalb gern von einem Wundergewächs. Glaubt man ihnen, kann sie den Blutdruck senken, wirkt gegen Karies und Zahnfleischbluten, hilft bei Diabetes und unterstützt die Verdauung. Trotzdem gibt es Stevia bei uns als Lebensmittel nicht zu kaufen. Manches Reformhaus führt Stevia allerdings in der Kosmetikabteilung.
In Deutschland und anderen EU-Ländern gibt es seit 1997 die „Novel Food Verordnung“. Hierunter fallen alle Lebensmittel, die in unseren Regionen unbekannt sind und über deren Verträglichkeit man wenig weiß. Auch Stevia fällt darunter, welche die Bewohner Südamerikas ohne schwere Anzeichen von Nebenwirkungen seit Jahrhunderten als Medizin und Zuckerersatzstoff nutzen.
Einen ersten Antrag auf Zulassung aus dem Jahr 2000 lehnte die EU ab. Ein zweiter Antrag wurde sieben Jahre später formuliert. Zurzeit laufen Prüfverfahren der eingereichten Studien. Experten rechnen 2010 mit der Zulassung des pflanzlichen Zuckerersatzstoffes.
Bis es soweit ist, bestellen interessierte Verbraucher oft im Internet. Der Gemeinsame Sachverständigenausschuss für Lebensmittelzusatzstoffe der Weltgesundheitsorganisation hat eine tägliche Aufnahme von bis zu 400 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht geduldet.
Die Studienlage ist noch zu dünn
Der Berliner Diabetologe und Leiter der Abteilung für klinische Ernährung am Deutschen Institut für Ernährung (Dife), Prof. Andreas Pfeiffer, gehört zu denen, die durchaus die Vorteile der Pflanze zum Beispiel für Diabetiker zu schätzen wissen. Eine Empfehlung möchte er dennoch nicht aussprechen.
„Die Studienlage ist einfach noch zu dünn, als dass man seriöse Aussagen machen kann“, sagt er. Sicherlich seien Zuckerersatzstoffe, wie es sie in Form chemisch hergestellter Süßstoffe bereits gibt, für Diabetiker sinnvoll, weil sie weniger Kalorien haben und der Inhaltsstoff Steviosid Insulin freisetzen kann, doch fehlten bislang entsprechende Studien über mögliche Nebenwirkungen. Geschmacklich empfindet er den Ersatzstoff Steviosid bekömmlicher als bereits bekannte künstliche Süßstoffe. Das aber empfinde jeder anders, so dass er auch in diesem Punkt keine Lanze für die Pflanze brechen will.
Wenige Gramm Stevia reichen aus, um den süßen Geschmack zu genießen. „Verantwortlich hierfür sind die Stoffe Steviosid und Rebaudiosid A. Es sind Extrakte, die aus den Blättern der Pflanze gewonnen werden“, erklärt Dr. Jaroslav Shevchenko von der Technischen Universität Berlin. Am Institut für Lebensmitteltechnologie und Lebensmittelchemie erforscht er aktuell die Kultivierungsmöglichkeiten der Pflanze. Denn eigentlich wächst sie nur in warmen Regionen. Kälte kann sie gar nicht vertragen. Im Labor ist es dem Nachwuchsforscher gelungen, Stevia als Sprosskultur zu züchten. „Auf diese Weise können wir die Pflanzen bis zu zehn Mal pro Jahr ernten“, so Shevchenko. Unter natürlichen und heimischen Bedingungen wird bis zu dreimal geerntet.
Stevia wächst nur in warmen Regionen
Weil Stevia nicht gleich Stevia ist und es die Inhaltsstoffe in unterschiedlicher Form gibt, die zurzeit keiner Qualitätskontrolle unterliegen, will Shevchenko die Möglichkeiten ihrer Kultivierung auch in Deutschland erforschen. Angetrieben wurde er durch bereits bestehende Forschungsarbeiten und die bisherigen Aussagen darüber, dass Stevia im mitteleuropäischen Klima nicht angebaut werden kann. Dies will er nun widerlegen.
Der Wissenschaftler glaubt fest an die besondere Wirkung des Stevia-Krauts. „Die süß schmeckende Verbindung in Stevia sind sogenannte Diterpenglycoside. Diese Süßstoffe werden vom menschlichen Organismus nicht verwendet und unverändert wieder aus dem Körper ausgeschieden.“ Bei der Frage nach dem unbedenklichen Verzehr von Stevia kommt aber auch er ins Schleudern. „Es lässt sich einfach nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. In einem wissenschaftlichen Versuch kann man alle Bedingungen unter Kontrolle haben, im realen Leben aber nicht.“
Beim Verzehr spielen seinen Angaben zufolge weitere Faktoren eine große Rolle, wie zum Beispiel die Zugabe von Steviaextrakten in andere Nahrungsmittel. In solchen Fällen auftretende Unverträglichkeiten können dann nicht ausschließlich auf den Verzehr des Süßstoffes zurückgeführt werden. Die von der Berliner TU entwickelte Stevia-Sprosskultur enthält hohe Mengen an Anthocyanen, das sind natürliche biologische Farbstoffe, denen eine antikanzerogene, eine krebsvorbeugende Wirkung nachgesagt wird.
„Insbesondere die komplexe Zusammensetzung des Stevia-Krauts bleibt ein schwieriges Thema bei der derzeitigen gesundheitlichen Sicherheitsbewertung“, bestätigt der Agrarinformationsdienst (aid) in Bonn. Auch hier bemängelt man fehlende umfangreiche Studien zur Wirkung ganzer Stevia-Blätter. Denn untersucht worden seien bislang immer nur Teile der Blatttrockenmasse, die gerade mal 20 Prozent der Pflanze ausmachen. Hinzu komme, dass je nach Standort, Zuchtlinie und Wachstumsbedingungen sich die Pflanzen in Aussehen und Inhaltsstoffen stark unterscheiden. Was für Gewächshauspflanzen gilt, muss daher nicht zwangsläufig auf den Anbau in Südamerika zutreffen.
Studien kosten Geld, viel Geld, merkt Prof. Pfeiffer an. Da es sich um ein Lebensmittel handelt, dessen Wirkstoffe nicht patentgeschützt sind, habe jeder Zugriff darauf. Potenzielle Geldgeber hätten deshalb kein großes Interesse daran, eine solche Forschung mit fünfstelligen Beträgen zu unterstützen. Auch er würde gerne die Wirkung der Steviapflanze auf den menschlichen Organismus näher erforschen. Bislang hat es an entsprechenden Forschungsgeldern gefehlt.

