Grillen gehört für viele zum Sommer einfach dazu. Doch der Versuch, mit Hilfe von Spiritus oder anderen flüssigen Brandbeschleunigern schnell die erforderliche Glut zu erreichen, kann zu Stichflammen und Verpuffungen und damit zu schweren Verletzungen führen. Nach Angaben der Techniker Krankenkasse passieren jedes Jahr in Deutschland rund 4000 Grillunfälle. Etwa 500 Menschen müssen mit schwersten Verbrennungen ins Krankenhaus, sie sind zum Teil lebensbedrohlich verletzt und leiden lebenslang an den Folgen.
„Da es sich um eine Flammenverbrennung handelt, ist die Verletzung oft nicht nur oberflächlich, sondern geht tiefer, sodass operiert werden muss“, sagt Dr. Bernd Hartmann, Chefarzt im Zentrum für Schwerbrandverletzte am Unfallkrankenhaus Berlin. Er und seine Kollegen aus anderen Brandverletztenzentren arbeiten an modernen Methoden, die verbrannten Hautareale so wiederherzustellen, dass der Patient später mit möglichst wenig Einschränkungen leben kann.
Bei einem Grillunfall sind alle Umstehenden gefährdet, leichte Sommerkleidung lässt den Flammen viel Angriffsfläche. „Hände, Arme, Gesicht und Hals, Unterschenkel und Oberschenkel sind in diesen Fällen meist von Verbrennungen betroffen“, ist die Erfahrung von Dr. Enno Striepling, plastischer Chirurg vom Zentrum für Schwerbrandverletzte des Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhauses Hamburg.
Bei Verbrennungen, die nicht innerhalb von zwei bis drei Wochen abheilen, ist die Transplantation von Eigenhaut das erste Mittel der Wahl. An einer anderen Stelle des Körpers wird die oberste Hautschicht in länglichen Bahnen abgetragen. Diese sogenannte Spalthaut wird auf die verletzte Stelle aufgebracht. Sind größere Gebiete betroffen, wird die Spalthaut „gemeshed“, netzartig eingeschnitten. Dadurch kann sie gedehnt werden. Das Netzmuster bleibt allerdings lebenslang erkennbar. Deshalb werden Transplantate für das Gesicht oder die Hände in der Regel eins zu eins übertragen.
Collagen als Unterhaut-Ersatz
„Wenn die Verletzung so tief geht, dass die Haut komplett zerstört wird, setzen wir Collagenmembrane als Unterhautersatz unter dem Transplantat ein“, beschreibt Dr. Hartmann eine neue Operationstechnik. Ohne solche „Unterfütterung“ hätte der Patient nach der Heilung an der betroffenen Stelle eine einzige große Narbe. Durch die Collagenmembrane wird „das Ergebnis elastischer, dicker, strapazierfähiger, der Haut ähnlicher“, so der Berliner Spezialist. Allerdings sei der Einsatz von Collagen nicht ganz unproblematisch, weil sich leicht Infekte entwickeln könnten, deshalb werde es hauptsächlich an funktionell wichtigen Stellen wie über großen Gelenken, am Hals im Gesicht und an den Händen genutzt.
Eine weitere moderne Behandlungsmethode, die im Berliner Zentrum angewendet wird, ist der Einsatz von gezüchteter Haut. Dem Patienten wird ein briefmarkengroßes Hautstück entnommen und im Labor vermehrt. Nach rund drei Wochen kann die Ersatzhaut eingesetzt werden, im Allgemeinen als Ergänzung zur Eigenhaut-Transplantation bei großflächigen Verbrennungen. Allerdings ist man bislang nur in der Lage, die oberste Hautschicht zu vermehren.
Narben können verbessert werden
Ebenfalls aus aufbereiteten eigenen Hautzellen des Patienten wird im Berliner Labor ein Spray hergestellt, das direkt auf die Wunde gesprüht wird und dort den Heilungsprozess anregen soll. Ein Ersatz für die Hauttransplantation kann die „Haut zum Sprühen“ aber nicht sein. „Diese Sprühtechnik wird z. B. bei flachen Wunden eingesetzt, die schlecht heilen, dadurch kann die Heilung beschleunigt und so die Narbenbildung verringert werden“, erläutert Dr. Hartmann.
Die Narben bleiben Brandverletzten für den Rest ihres Lebens erhalten. Viele fühlen sich entstellt, außerdem können Narben jucken, schmerzen und z. B. Bewegungseinschränkungen verursachen. Deshalb wird nach der Operation versucht, die Narbenentwicklung positiv zu beeinflussen. Sobald die Wunden verheilt sind, werden dem Patienten Bandagen nach Maß angepasst. Sie drücken auf die Wunden, sollen so den Blutfluss und die Entzündungsreaktionen minimieren. Diese Bandagen müssen über mehrere Monate konsequent getragen werden. Eine Alternative sind Silikonplatten oder Silikongel. Darunter entwickelt sich ein feuchtes Hautmilieu, so sollen Rötungen und Juckreiz gemindert werden.
„Wichtig für die Narbenvorbeugung ist auch konsequente Hautpflege, damit die Haut nicht spröde und rissig wird“, betont Dr. Striepling. Auch später gebe es noch die „Chance, aus einer schlechten Narbe eine gute Narbe zu machen“, so der Experte vom Hamburger Brandverletztenzentrum. So werden Narbenstränge bei Funktionsbeeinträchtigungen (wenn man z. B. den Arm nicht mehr strecken kann) durchtrennt oder ganz entfernt. Benachbarte gesunde Hautareale können gedehnt und über den ehemaligen Narbenbereich gelegt werden.
Noch erprobt wird das sogenannte Medical-needling-Verfahren. Dabei werden unter Narkose mit kleinen Nadeln winzige Stiche in die Haut gemacht. „Die Stiche regen in der tiefen Haut die Regeneration an. Die Narbe wird nicht verschwinden, kann aber z. B. elastischer werden“, beschreibt Dr. Hartmann den Effekt.
Ein ganz neues Präparat soll die Entstehung von wulstigen Narben bereits im Vorfeld verhindern. Dabei wird das Eiweiß TGF-beta3 in die Wunde eingebracht. Dieser Botenstoff regt nach Erkenntnissen von Forschern im Gewebe von Embryonen und Neugeborenen eine schnelle, narbenarme Wundheilung an. Für das neue Präparat, das frühestens in einem Jahr auf den Markt kommen kann, wird das TGF-beta3 synthetisch hergestellt. Erste Studienergebnisse seien vielversprechend, so Dr. Hartmann.

